Die Echtheit des Barnabas Evangelium

Viele Jahrhunderte lang hatte das Evangelium des Heiligen Barnabas vor der Öffentlichkeit verborgen gehalten werden können, bis es im 16. Jahrhundert in einer italienischen Übersetzung aus den verschlossenen Bibliotheken des Vatikans herausgebracht wurde und nach einer abenteuerlichen Odyssee heute in der Wiener Staatsbibliothek (Cod. 2662 Eug.) seinen Platz hat.

Die kritische und objektive Untersuchung des Barnabasevangeliums wird von allen Seiten durch religiöse Parteilichkeit und Unkenntnis behindert. Viele muslimische Autoren haben einen schwärmerischen Eifer für dieses Werk, der sich auf eine mangelhafte Kenntnis christlicher Traditionen gründet. Doch viel häufiger zeigt die christliche Kritik des Barnabasevangeliums eine starke Naivität und ein geringes Verständnis für die Größe der Schwierigkeiten, in die man bei der Untersuchung dieses Werkes gerät. Der Grund hierfür ist die völlig naive (glaubensbedingte) Sichtweise dieser christlichen Autoren in Bezug auf das Neue Testament und biblische Geschichte. Dies zeigt sich am deutlichsten in ihrer "Knock Down"-Kritik des Barnabastextes und seinen vermeintlichen "Fehlern". Hier einige Beispiele:

 

[1] Man behauptet, dass das Barnabasevangelium nicht echt sein könne, weil Barnabas kein Apostel Jesu gewesen sei, dies aber im Barnabasevangelium behauptet werde.

 

Antwort: Wir besitzen keine historischen Informationen über einen "Barnabas" im Palästina des ersten Jahrhunderts. Unsere einizge Informationsquelle ist  die Apostelgeschichte, die  – obgleich Teil des kirchlichen Kanons – eindeutig ein mythologisierter hellenistischer Roman ist. Die Behauptung, dass das Barnabasevangelium deswegen eine Fälschung sei, weil es sich nicht mit der Apostelgeschichte decke, ist daher kein Argument. So gesehen wäre die Apostelgeschichte nämlich genauso eine Fälschung wie das Barnabasevangelium. Nach objektiven historischen Kriterien können wir gar nicht wissen, ob eine Person unter dem Namen des Barnabas existierte. Wir haben keinen eindeutigen Beweis, an dem wir die Authentizität des Barnabasbildes dieser mittelalterlichen Schrift bemessen könnten.

Anm. d. Übers.: Barnabas wird nicht nur in der Apostelgeschichte, sondern auch in den "pseudo"klementinischen Recognitionen erwähnt. "Raimundus Lullus" (Pseudonym) hat hierzu folgendes herausgefunden. In der ältesten Textschicht der Recognitionen aus dem 2. Jhd. n. Chr., den "Stufen des Jakobus" (ἀναβαθμοι Ιακώβου, AJ II), ist Barnabas sehr wohl einer der zwölf Apostel, und zwar derjenige, der den Platz des verschwundenen Judas einnimmt (Rec. I 60). Diese Geschichte kennen wir aus dem Anfang der Apostelgeschichte (Apg 1,1–26). Hier wird ein sogenannter Barsabas als Nachfolger benannt: "Joseph, genannt Barsabas, der Justus zubenamt war" (Ἰωσὴφ τὸν καλούμενον Βαρσάβαν, ὃς ἐπεκλήθη Ἰοῦστος). Der Codex Bezae Catabrigiensis hat an dieser Stelle die Lesart Bar-n-abas statt Bar-s-abas. Auch wird im folgenden Verlauf der Apostelgeschichte nie von einem Apostel Josef Barsabbas, wohl aber von dem Reisegefährten des Paulus Josef Barnabas berichtet: "Joseph aber, der von den Aposteln Barnabas zubenamt wurde [...]" (Apg 4,36).

Auch andere apokryphe Zeugnisse bestätigen den Titel "Apostel" für Barnabas, wie etwa der überlieferte Ausspruch des Codex Barocci (CB 39): "Der Apostel Barnabas sagt: In den schlechten Streitigkeiten ist der Gewinner (stets) der Verlierer, weil er  die größere Sünde begeht."

Blackhirsts Argumentation ist sicherlich sehr radikal, wenn er den Berichten über Barnabas in der Apostelgeschichte jegliche Historizität abspricht. Worauf er hinaus möchte, ist aber folgendes: Zwei Texte können ohne eine unabhängige historische Quelle nicht auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft werden. Deswegen kann man nicht die Apostelgeschichte zur Widerlegung des Barnabasevangeliums heranziehen (und umgekehrt). Es fehlt das "Tertium comparationis". Die Recognitionen könnten hier möglicherweise als vergleichendes Glied dienen. Diese stellen für Blackhirst jedoch keine unabhängige historische (da christliche) Quelle dar (siehe [2].).

 

[2] Ebenso finden sich Argumentationen wie diese: Der wahre Barnabas, der aus Zypern stammt, und der Zeit seines Lebens Griechisch gesprochen hat, würde sicherlich wissen, dass "Christus" (Griechisch) das Equivalent zu "Messias" (Hebräisch) ist. Als ein zypriotischer Jude hätte er beide Sprachen beherrscht und Jesus nicht am Anfang des Evangeliums als "Christus" betitelt (vgl. Proömium), um dann im weiteren Verlauf abzustreiten, dass Jesus der "Messias" sei.

 

Antwort: Das Problem an dieser Stelle ist der Begriff eines "wahren Barnabas". Dieser basiert ausschließlich auf der Apostelgeschichte und von ihr abhängiger christlicher Literatur, wird aber durch keinen unabhängigen historischen Beweis gestützt. In Wirklichkeit wissen wir gar nicht, wer dieser "wahre Barnabas" war, noch nicht einmal, ob eine solche Person überhaupt existierte. (Keine historische Quelle wie z. B. Josephus erwähnen eine solche Person.) Wie sicher sind wir denn, dass der "wahre Barnabas" aus Zypern kommt und sowohl Griechisch als auch Hebräisch sprach? (Dabei sei erwähnt, dass es andere frührchristliche Quellen wie die Klementinen gibt, die "Barnabas" als einen Apostel führen und einen völlig anderen Bericht darüber geben, wer er war und woher er kam.) Die Zuversicht derjeniger, die einen "wahren Barnabas" heraufbeschwören wollen, entbehrt jeglicher historischer Grundlagen. Die einzige objektive Position ist in diesem Falle die agnostische: "Wir wissen es nicht".

Anm. d. Übers.: Blackhirst lässt hier offen, wie der auffällige Widerspruch eines Christus, der nicht der Messias ist, zu erklären sei. Es ist eines vieler Belege für ein Vorhandensein verschiedener redaktioneller Schichten im Barnabasevangelium. Der Begriff "Christus" kommt nur dreimal im ganzen Evangelium vor (im Proömium, in Kap. 6 und in Kap. 70). Jesus wird ansonsten nie mit "Christus", sondern immer mit "Prophet" betitelt. Es ist absurd anzunehmen, dass der Autor des Barnabasevangeliums mit seinem außergewöhnlich feinen Wissen über die jüdische und christliche Religion nicht die Identität der Begriffe "Christus" und "Messias" kannte. Denn dies muss jedem bekannt sein, der sich einigermaßen im Neuen Testament auskennt – heißt es doch im Johannesevangelium  (Joh 1,41): "Wir haben den Messias gefunden – was übersetzt ist: Christus".

 

[3] Man behauptet auch, dass der Autor des Barnabasevangeliums mangelhafte Kenntnisse der biblischen Geographie gehabt habe. Zum Beispiel präsentiere er Nazareth als eine Stadt am Seeufer (vgl. BE 20), wo wir doch "wüssten", dass sie weit vom Ufer des Sees Genezareth entfernt in den Bergen gelegen war.

 

Antwort: Wir haben keine Ahnung, wo eine Stadt namens Nazareth lag. Es gibt keine Berichte über einen solchen Ort außerhalb des Neuen Testaments. Seine heutige Lokalisierung wurde – hunderte Jahre später – im 4. Jhd. von Königin Helena [der Mutter Konstantins des Großen – Anm. d. Übers.] festgelegt. Es gibt keine archäologischen Beweise, welche diese Lokalisierung unterstützen würden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Erwähnung einer solchen Stadt eine Interpretation der Vorstellung darstellt, dass Jesus ein "Nazaräer" war (und deswegen aus einem Ort namens Nazareth stamme müsse – eine fadenscheinige Etymologie). Wenn man nun behauptet, dass der Autor des Barnabasevangeliums nicht gewusst habe, wo Nazareth lag, ist dies kein akzeptables Argument, denn auch niemand sonst ist in der Lage, diesen Ort zu lokalisieren. (Das Barnabasevangelium spiegelt mit diesem "Fehler" vielmehr die biblische Unsicherheit wider, ob Jesus in Nazareth oder in Kapernaum lebte [vgl. Mt 4,12f.: "Als Jesus hörte, dass man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, zog er sich nach Galiläa zurück. Er verließ Nazareth, um in Kapernaum zu wohnen, das am See liegt, im Gebiet von Sebulon und Naftali"  – Anm. d. Übers.]. Wir können den Autor des Barnabasevangeliums nicht der Unkenntnis beschuldigen und dabei  unsere eigene Unkenntnis unterschlagen. Die meisten Christen sind sich völlig im Unklaren darüber, dass die historisch fundierte Lokalisierung einer Sadt namens Nazareth keine gesicherte Tatsache, sondern lediglich eine fromme Theorie darstellt.

Anm. d. Übers.: Zum Begriff "Nazareth" sei der Artikel von William Benjamin Smith "Meaning of the Epithet Nazorean (Nazarene)" empfohlen. Die von Blackhirst angenommene Verwechslung von Kapernaum und Nazareth ist hier wohl tatächlich des Rätsels Lösung. Der Text lautet wörtlich übersetzt: "Er ging auf ein Schiff und segelte in seine Stadt Nazareth"  (he monta in naue nauigo in nazaret sua cita" (BE 20). Es ist gut denkbar, dass der ursprüngliche Text lautete: "und segelte in seine Stadt" (nauigo in sua cita), wobei mit "seiner Stadt" Kapernaum gemeint war, das am Ufer des Sees Genezareth liegt. Das "nazaret" könnte eine spätere Hinzufügung in den Text sein, denn auch Nazareth galt als "seine Stadt" – viel mehr noch als Kapernaum. Ein Redaktor oder Kopist der Schrift hat möglicherweise bei "seiner Stadt" automatisch an Nazareth gedacht und den Text diesbezüglich konkretisiert.

 

[4] Am spektakulärsten ist die Lenkung der Aufmerksamkeit seitens der christlichen Kritiker auf die wundersamen Begebenheiten im Barnabastext. Beispielsweise sagt einer der wahren Pharisäer zu dem anderen in Kapitel 149: "O Bruder, es sind nun zwei Monate her, dass ich Wasser getrunken habe". Kritiker haben darauf hingewiesen, dass dies physikalisch unmöglich sei.

 

Antwort: Andererseits haben dieselben Kritiker keine Probleme damit, dass Jesus auf dem Wasser wandelte, 5000 Menschen speiste und von den Toten auferstand! Die Bibel ist randvoll mit physikalischen Unmöglichkeiten! Zu behaupten, das Barnabasevangelium sei deswegen nicht authentisch,, weil sein Text unglaubliche Geschichten enthalte, kann daher kein akzeptables Argument sein, da dasselbe auch für die Bibel gilt. Die christlichen Kritiker finden also die Barnabas-Erzählungen lächerlich und unglaubwürdig, haben andererseits aber keine Bedenken bezüglich der neutestamentlichen Wunder. In einer objektiven Untersuchung sollten einem alle Übertretungen der Naturgesetze suspekt sein!

Anm. d. Übers.: Dieser letzte Satz ist m. E. problematisch. Denn er setzt voraus, dass der objekitve Wissenschaftler die Gesamtheit aller Naturgesetze kennen müsste (vgl. hierzu meinen Artikel "Voraussetzungen einer vorurteilsfreien Datierung des Barnabasevangeliums" weiter unten). Doch für die hier geführte Argumentation spielt es keine Rolle, ob man an Wunder glaubt oder nicht. Der entscheidende Punkt ist, dass man nicht mit zweierlei Maß messen kann. Die kanonischen Texte sind authentische frühchristliche Zeugnisse, obwohl sie über Wunder berichten. Akzeptiert man dies, so kann man für das Barnabasevangelium nicht andere Maßstäbe setzen.

 

[5] Ein Großteil der Argumente wurde darauf verwendet, das Barnabasevangelium als eine "Fälschung" zu entlarven und seinen Anspruch, das wahre Evangelium Christi zu sein, zu widerlegen.

 

Antwort: Es ist sehr wahrscheinlich, dass ALLE Evangelien "Fälschungen" sind – in dem Sinne, dass keines von ihnen von den Personen geschrieben wurde, denen sie zugeschrieben werden. Es gibt nur wenig anerkannte Bibelforscher, die noch der Meinung sind, dass Matthäus das Matthäusevangelium, Markus das Markusevangelium oder Lukas das Lukasevangelium geschrieben habe. Sicherlich ist das Barnabasevangelium eine "Fälschung", aber nicht im Gegensatz zu den kanonischen Evangelien. Viele christliche Kritiker des Barnabasevangeliums vertreten ziemlich naive Standpunkte hinsichtlich der Ursprünge der kanonischen Evangelien, natürlich mit dem Unterschied, dass das Barnabasevangelium eine mittelalterliche Fälschung und nicht, wie die kanonischen Evangelien, eine antike Fälschung ist.

Anm. d. Übers.: Dass das Barnabasevangelium nicht antiken Ursprungs ist, darf m. E. zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht sicher behauptet werden. Es spricht vieles dafür, dass der Text auf einer frühchristlichen Grundschrift basiert, die im Laufe ihrer Geschichte mehrere redaktionelle Bearbeitungen erfahren hat. Für diesbezügliche Belege muss der Leser auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet werden, da die sehr komplexe Untersuchung noch andauert.

 

All dies beweist natürlich nicht, dass das Barnabasevangelium richtig und echt ist, oder dass es einen historischen Bericht der Ereignisse liefert, aber es zeigt, dass die Probleme komplexer sind als sie zunächst scheinen. Der typische Fehler christlicher (oder christlich beeinflusster) Kritiker ist es, das Barnabasevangelium an dem herkömmlichen rechtgläubigen christlichen Glauben messen zu wollen: Wir WISSEN, dass das Barnabasevangelium falsch ist, weil wir WISSEN, dass die Bibel richtig ist. Das ist keine Wissenschaft! Es ist religiöse Polemik. Echte Wissenschaft behandelt das Barnabasevangelium als Teil der christlichen Literatur, die ausnahmslos skeptisch und kritisch behandelt wird. Wir WISSEN nicht, wer Barnabas war, oder wo Nazareth lag, usw. Wir haben unterschiedliche Berichte, die wir gegeneinander abwägen, immer mit einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber den aufgestellten Behauptungen. Wir können die kanonischen Berichte bevorzugen, wenn wir Argumente dafür haben, aber wir sollten sie nicht als FAKTEN betrachten, und ihnen den Bericht des Barnabas als "Lüge" gegenüberstellen. Dies wäre, wie gesagt, religiöse Polemik und keine Wissenschaft!

 

(Dieser Artikel erschien auf Rod Blackhirsts ehemaliger Internetseite über das Barnabasevangelium (Stand: Januar, 2003), die leider nicht mehr zugänglich ist. Der damalige Link lautete: http://www.bendigo.latrobe.edu.au/sae/arts/barnabas/Entry.html)

 

Quelle: www.barnabas-evangelium.de

             Zuletzt abgerufen am 24.04.2016 um 22:36 Uhr

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