Interkultureller Dialog

Angesichts resignativer Stimmen zum Projekt einer multikulturellen Gesellschaft stellt es sich der Herausforderung, die durch religiöse Pluralität entsteht, und versucht, Wege wechselseitiger Verständigung freizulegen, religiöse Identität im Dialog zu entwickeln und nicht zuletzt die eigenen kulturellen und religiösen Wurzeln neu zu entdecken.

 

Freilich, die Bildungsarbeit auf dem Feld religiöser Zeugnisse und vor allem Heiliger Schriften ist mühevoll, gilt es doch, zwei oder mehrere unterschiedliche Traditionsströme einzubeziehen, ihre kulturellen und theologischen Eigentümlichkeiten zu berücksichtigen und durchgehend interdisziplinär zu denken. Bei all diesen Schwierigkeiten überrascht und erstaunt es immer wieder, wie viele Ähnlichkeiten, Analogien, Parallelen und Gemeinsamkeiten in den abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam aufscheinen. So ist Abraham in den Texten der drei genannten Religionen ein Leitbild unbedingten Gottvertrauens, Josef in Ägypten ein Modell der Vergebung und Versöhnung und Mose stets der Befreier aus Unterdrückung und der Geber eines Leben eröffnenden Gesetzes.

 

Wer sich auf Bibel und Koran gleichzeitig einlässt, trifft auf die großen Erzählungen der Menschheit und auf bekannte prophetische Gestalten, aber auch auf unbekanntes Sondergut und apokryphe Texte. Eines fällt dabei auf: Der Koran ist zwar aus islamischer Sicht Gottes unmittelbare Offenbarung, aber die Muhammad zuteil gewordene Offenbarung war sowohl eine Bestätigung der früheren Offenbarung Gottes im —Tanach der Juden und im Evangelium der Christen (vgl. „Der Tisch", Sure 5:44-49) als auch gleichzeitig eine Überbietung der beiden.

 

Gottes Offenbarung im Koran ist die arabische Variante seiner Selbstmitteilung, deren Ursprung im Buch des Himmels niedergelegt ist. Muhammad war in der Reihe der Propheten und deren Schlusspunkt und „Siegel" („Die Parteien", Sure 33:40). Damit soll für Christen keineswegs geleugnet werden, dass sie in Jesus Christus die endgültige und universale Offenbarung sehen, ja es besteht in Bezug auf die Offenbarung und die Heilsvorstellung durchaus eine Konkurrenzsituation zwischen beiden Religionen.

 

Das 21. Jahrhundert hat im Hinblick auf ein verträgliches Zusammenleben von Angehörigen verschiedener Kulturen und Religionen nicht gut begonnen: Mehrere Attentate, wie z.B. der Mord am holländischen Filmregisseur Theo van Gogh (2. November 2004) auf der einen Seite und andererseits der Irakkrieg und jüngste Drohungen gegen den Iran haben die Frage ausgelöst, ob Samuel Huntington nicht Recht bekomme mit seiner Behauptung eines blutigen Zusammenpralls der Kulturen. Die neue Welle der „märtyrerhaften" Selbstmordattentate will kein Ende nehmen und gibt jenen Politikern Aufwind, die alle Kräfte auf die Terrorbekämpfung konzentrieren wollen.

Dabei übersehen sie, wie grauenvoll auch Naturgewalten, etwa Lawinen oder Fluten wie das Seebeben (in Südasien vom 26. Dezember 2004) menschliches Leben zerstören können.

 

Angesichts dieser unvergleichlichen und angstmachenden Szenarien gilt es, klaren Kopf zu behalten und das zu tun, was die Zeiterfordernisse und eine nachhaltige Entwicklung gebieten. Unsere Aufmerksamkeit darf sich nicht von den öffentlichkeitswirksamen Fernsehbildern (ab)lenken lassen, sondern muss sich auf das alltägliche Miteinander der Kulturen und Religionen konzentrieren, auf das Zusammenleben von Fremden und Freunden mit Blick auf die Zukunft. Wir müssen im Auge behalten, wie eine Geschlechtergerechtigkeit zwischen Männern und Frauen erreicht und wie der Generationenvertrag zwischen Jugendlichen und Erwachsenen eingehalten werden kann.

 

Sowohl die Erfahrung als auch der christliche Sendungsauftrag belegen, dass der Weg des Dialogs besser ist als der Weg der Gewalt, ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht weiter führt als die Sprache der Waffen und Verständnis ein sinnvolleres Ziel ist als das Durchsetzen von Ideologien, Macht und Rache. Letztlich ist die schon oft wiederholte Devise wahr: Zum Dialog gibt es keine Alternative! Die multikulturelle und religiös Plurale Gesellschaft darf sich nicht selbst zerstören, sondern muss sich tolerant und in wechselseitigem Respekt mit anderen auseinandersetzen, wenn
das Ziel eines Zusammenlebens in Gerechtigkeit und Frieden anvisiert werden soll.

 

 

Quelle: Von Adam bis Muhammad - Bibel und Koran im Vergleich,

              2005 Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH, Stuttgart

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