Das Fasten (Ramadan)

Ramadan ist der 9. Monat im Mond-kalender. Jedes Jahr fasten knapp zwei Milliarden Muslime und trainieren ihren Geist mit Disziplin, Sittsamkeit und des Gehorsams des Körpers zum Geist. Das abmühen auf Gottes Weg (Dschihad) ist eine Empfehlung an die gesamte Menschheit. Gottergebene (arab. Muslime) nehmen es als erleichternde Pflicht mit Freude an und mühen sich, über die Kontrolle ihrer Begierden, Beherrschung ihrer Wünsche und die Zügelung ihres Magens.

Das Fasten ist ein Ritual der geistigen Reinigung, die der Schöpfer (Allah, Gott) den Menschen als Empfehlung bot und nicht wie von vielen Muslimen und Nicht-Muslimen angenommen als Pflicht. Denn, dies würde der Gesamtheit der Offenbarung widersprechen. Der Vers (arab. Ayat; Bedeutung: Zeichen) 256 in Sure 2 (Baqara; deutsch: Die Kuh) lautet wie folgt: Es gibt keinen Zwang in der Religion. Der richtige Weg (ad-Din; deutsch: Lebensweise, Religion) ist nun klar erkennbar geworden vom unrichtigen. Wer also die tāghūt (falsche Gottheiten und Mächte des Bösen, die Modelle von Glauben und Herrschaft etablierten, welche Gott Hohn sprachen) ablehnt und an Gott (als den einzigen Gott, Herrn und der Anbetung Würdigen) glaubt, der hat gewiss den sichersten, unzerbrechlichsten Halt ergriffen; und Gott ist hörend, allwissend.

 

Auch im Evangelium, dass dem Propheten, Sohn der Maria Jesus von Nazareth geoffenbart wurde, ist diese Empfehlung offenbart. Im Evangelium (arab. Injil) heißt es: Und da er vierzig Tage und Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. (Matthäus, 4, 2)

 

Das arabische Wort für Fasten ist "savm" und bedeutet "sich von etwas zurückhalten, sich zügeln, enthalten."

 

Wer fastet, bekommt den Genuss der geistigen, moralischen und physischen Frucht des Ramadans. Denn damit bekommt man einen Abstand zum täglichen Rummel, Besinnlichkeit, Selbstkontrolle, Mitgefühl mit hungernden Armen sowie Verminderung von Blutfetten und Übergewicht. Dazu gehört auch die Freude, das Fasten täglich im Freundeskreis brechen zu können (iftar); dies schafft ein Zusammengehörigkeitsgefühl wie sonst nur die gemeinsame Pilgerfahrt in Mekka (der Kaaba).

Säkulare Menschen fragen: „Wie kann Gott uns Mund, Zähne, Speiseröhre und Magen erschaffen, um damit zu essen, und uns dann befehlen zu fasten. Wie kann Er die Schönheit und die Begierde erschaffen und dann befehlen, die Blicke zu senken und züchtig zu sein?

 

Ich sage ihnen: Gott gibt uns das Pferd damit wir es reiten, nicht damit es uns reitet; damit wir es zügeln und beherrschen, und nicht, damit es uns leitet und beherrscht. Unser Körper ist das Pferd, das für uns geschaffen wurde, damit wir es reiten, beherrschen, führen und zügeln, um ihn für unsere Absichten zu verwenden und nicht umgekehrt, daß er uns für seine Absichten benutzt und für seine Begierden leitet.

Von daher ist die Kontrolle über die Begierde, die Beherrschung der Wünsche und die Zügelung der Hände, der Zunge, der Lende und des Magens eine wichtige Aufgabe für den Menschen. Wir sind erst in dem Augenblick Mensch, indem wir gegen das was wir lieben, Widerstand leisten und was uns verhasst ist, aushalten. Wenn aber unser ganzer Eifer das Nachgehen unseres Hungers und unseren Begierden gilt, so sind wir nicht mehr als ein Tier. Ein Bündel Stroh (Zügel) bewegt uns und ein Hieb hält uns zurück. Dazu hat uns der Schöpfer nicht erschaffen.

 

Der Koran bringt das Gebot zum Fasten in Zusammenhang mit der Frömmigkeit: "Ihr Gläubigen! Euch wurde das Fasten vorgeschrieben, wie es den Menschen vor euch vorgeschrieben war, damit ihr fromm werdet." (2:183) Man fragt sich dennoch, wieso das Unterdrücken einiger körperlicher Bedürfnisse zur Frömmigkeit führen soll? Der Prophet Muhammad sagte: "Frömmigkeit ist hier" und zeigte dabei auf sein Herz. Das Herz ist sowas wie der Motor des Menschen. "Es sind nicht die Augen, die erblinden, sondern die Herzen." (22:46)

 

Gott erschuf den Trieb, um ihn zu überwältigen und einem höheren Trieb zu begegnen. Wir beherrschen den tierischen Drang des körperlichen Triebes und bewältigen ihn, damit das Auge sich mit dem Genuss, die Schönheit anzublicken, begnügt. Dann bewältigen wir diese zweite Begierde, um die Wollust des Verstandes an Kultur, Wissenschaft und Weisheit zu Genießen. Dann wiederum steigen wir eine Stufe höher, um der Wahrheit zu begegnen und sie anzustreben und ihretwillen zu sterben.

 

Das sind die Stufen der Sehnsucht, deren niederste Stufe die Sehnsucht des schlammigen Körpers ist, und dessen höchste Stufe die Sehnsucht zur Wahrheit und zum Ideal. Und im Höhepunkt steht die höchste Sehnsucht nach dem Herrn aller Vollkommenheit, dem Wahrhaftigen – gepriesen und erhaben sei Er.

 

In einem Hadith sagt Er: „Oh du Sohn Adams, Ich erschuf dich für Mich und schuf die Dinge für dich. So beschäftige dich nicht mit dem, was für dich ist, wofür du bist.“

 

Deswegen schuf der Schöpfer (Allah) für uns die Natur mit ihren Gesetzen, Quellen und Schätzen. Er erschuf sie ihrem Wesen nach uns untergeben und uns dienend. Wir haben nicht viel Kraft aufgebracht, damit das Kamel unsere Last trägt, damit der Hund unser Haus bewacht oder damit das Vieh uns mit seinem Fell, Fleisch und Leder von Nutzen ist. Es wurde so untergeben und gehorchend erschaffen. Vielmehr war die Aufgabe, für die uns Gott schuf, und die Pflicht, die er uns erteilte, diese Tiere zu reiten und nach einem Ziel auszuwandern: zu Allah, zu Ihm allein in Seiner Vollkommenheit.

„Oh du Mensch, du mühst dich wahrlich bis zum äußersten, bis du zu deinem Herrn zurückkehrst; und du wirst Ihm mit Sicherheit begegnen.“ (Sure 84, Vers 6)

 

„Und ich habe die Dschinn und die Menschen zu keinem anderen Zweck erschaffen, als dass sie Mir dienen.“ (Sure 51, Vers 56)

 

Das Fasten ist die erste Übung auf dieser Reise. Es ist wie das Training des Reitens, die Zügelung eines Pferdes und dessen Beherrschung indem man Hunger und Mühe aushält. Es ist die Lektion der Disziplin, der Sittsamkeit und des Gehorsams (des Körpers zum Geist).

Dem Schöpfer geht es nicht darum, das wir von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang einfach nichts essen und trinken und uns dem Geschlechtsverkehr (natürlich mit dem Ehepartner) enthalten. Es geht darum, sich mit seinem inneren auseinanderzusetzen, sowie seine Beziehung zu Gott, zu dessen Schöpfung und sich selbst kritisch zu reflektieren. Ziel des Fastens ist nicht nur die Distanzierung von körperlichen Bedürfnissen, primäres Ziel ist das Fasten des Herzes. Wenn sie ihr Herz (also ihre Intelligenz) fasten (arab. savm; zurückhalten, bändigen), werden die körperlichen Bedürfnisse automatisch gezügelt.

 

Der Prophet Muhammad sagte: "Wenn der fastende Lügen, unaufrichtiges oder unverantwortliches Handeln nicht unterlässt, braucht Gott nicht von ihm, dass er auf sein Essen und Trinken verzichtet."

 

Wer das Fasten auf eine körperliche Enthaltung reduziert, ist wie derjenige, der das Beten auf eine körperliche Betätigung reduziert. Ebenso fastet auch die Zunge. Üble Nachrede, Lästern, Beschimpfen, Beleidigen und jede Form der schlechten Rede kann man im Fastenmonat Ramadan, weg trainieren.

 

Von Nichtmuslimen hört man immer wieder, wie es Muslime den ganzen Tag ohne Essen und Trinken aushalten. Wenn man das Fasten so versteht, wie es gedacht ist: "damit ihr fromm werdet" (2:183), müsste man eher fragen, wie man es schaffen soll, die mutige Reise in die Tiefen des eigenen inneren anzutreten und dabei offen und ehrlich wie nur möglich zu sich selbst zu sein. Das ist, was der Prophet Muhammad mit dem "großen", also mit dem eigentlichen Dschihad beschrieben hat. Primär liegt darin die Sinn und Zweck des Fastens, und nicht in der körperlichen Anstrengung. Das man lernt zu verzichten, Hunger und Durst auszuhalten, bringt den Menschen auf den Boden und bricht seinen Stolz und stärkt seinen Willen. So kann der Mensch Kräfte in sich entdecken, die er bis dahin nicht gekannt bzw. erkannt hat. Das Fasten ermöglicht seinen Willen zu entdecken und zu stärken, sein inneres zu verändern, seine schlechten Eigenschaften zu entdecken und sie zu überwinden, sowie seine guten Eigenschaften zu fördern.

 

Ramadan war schon immer ein Monat des großen Dschihads (innere Anstrengung, Bemühung auf dem Weg Gottes). Das Fasten ist nicht Nichtstuerei, den ganzen Tag schlafen und die ganze Nacht vor dem Fernseher wach sein. Es ist nicht Aggressivität, Verärgerung und Stress im Umgang mit den Menschen. Allah der Schöpfer kann diese Art von Fasten entbehren. Er weist es vom Fastenden zurück und nimmt es nicht an. Der Fastende erhält davon nichts außer Hunger und Durst.

 

Fasten heißt, das Reittier, deinen Körper, so zu besteigen, dass man sich durch nützliche Tat, gutes Wort und wahre Anbetung Gottes abmüht (dschihad).

 

Fragen sie sich selbst nach ihrem Anteil an all dem im Ramadan. Sie werden herausfinden, inwieweit Sie das Gebot Gottes zu fasten ausüben.

 

 

Freiburg, 19.05.2017

Deniz Canli