Islam in Europa

Seit einigen Jahren hat der Begriff der „Islamophobie“ im Diskurs über den Islam und die Integration von Muslimen vermehrt medial Beachtung gefunden. Er soll eine unbegründete Angst vor oder allgemeine Ablehnung des Islams bzw. der Muslime ausdrücken. Als Alternativen wurden in den letzten Jahren außerdem Begriffe wie Islamfeindschaft, Muslimfeindlichkeit, Antimuslimischer Rassismus oder Anti-Islamismus in die Diskussion gebracht. „Der Islam gehört nicht zu Deutschland.“ Mit diesem Satz manifestiert die rechtspopulistische Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) in ihrem Grundsatzprogramm vom Mai 2016 ihre dezidiert ablehnende Haltung gegenüber „dem“ Islam. Es ist der Versuch, sich von der Aussage des früheren Bundespräsidenten Christian Wulff abzugrenzen, der am 3. Oktober 2010 sagte: „Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland und Europa. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland und Europa. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört auch zu Deutschland und Europa.“ Und das nicht seit Gestern.

 

Die Theorie vom „Kampf der Kulturen“, die von Samuel Huntington in den 90er Jahren entwickelt wurde, ist seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und den darauf folgenden Kriegen in Afghanistan und dem Irak immer einflussreicher geworden. Ereignisse wie der Karikaturenstreit oder die Auseinandersetzungen um die Rede des Papstes im Jahr 2006 gelten als weitere Belege dafür, dass die maßgeblichen Ursachen für Konflikte im Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen, bzw. Religionen zu suchen sind – und der Islam gilt dabei den Europäern als besonders aggressiv. Auch für die Muslime in Europa hat diese Kulturkampftheorie direkte Folgen, denn immer wieder wird die Ansicht vertreten, dass der Islam Europa wesensfremd sei und die Behauptung aufgestellt, Muslime seien in Europa nicht integrierbar. Es ist daher wichtig, genauer hinzuschauen: Wie ist das mit dem Islam und den Muslimen in Europa?

 

Europa hat keine eindeutigen geographischen Grenzen (als Kontinent müsste man ja eigentlich von Eurasien sprechen). Daher braucht man andere Kriterien, um Europa zu definieren. Hier kommen dann kulturelle Aspekte ins Spiel, und das ist ein heiß umkämpftes Feld. Da wird nach Wurzeln und Ursprüngen gesucht, man beruft sich auf ein Erbe und auf Traditionen. Manche Traditionen werden eingeschlossen, andere ausgeschlossen, wie lange Zeit das Judentum und bis heute die Ostkirchen – und eben der Islam. Die Suche nach den Ursprüngen ist immer dann besonders intensiv, wenn es um die Zukunft geht, und hier geht es um die Frage der Zukunft des Islams und der Muslime in Europa. Europas Wurzeln sind also eine hochpolitische Angelegenheit, und deshalb gibt es so unterschiedliche Vorstellungen davon. Wir können zum Beispiel in der Debatte um den EU-Beitritt der Türkei, wie auch im Kopftuchstreit beobachten, wie mit bestimmten europäischen Traditionen argumentiert wird, um zu zeigen, dass das der Islam nicht nach Europa gehört. So begründete z.B. der frühere Bundeskanzler, Gerhard Schröder, seine Meinung, dass das Kopftuch im Staatsdienst keinen Platz habe, folgendermaßen: „Wir sind beeinflusst von drei großen Traditionen: der griechisch-römischen Philosophie, der christlich-jüdischen Religion und dem Erbe der Aufklärung.“ Der Islam kommt in dieser Aufzählung nicht nur nicht vor, sondern es wird impliziert, dass die genannten Traditionen dem Islam entgegenstehen – denn sonst wären sie ja kein Argument gegen das (islamische) Kopftuch. Was ist von dieser Aufzählung – christlich-jüdische Religion, griechisch-römische Philosophie – und Aufklärung zu halten? Die christliche und jüdische Religion kommen wie auch der Islam nicht aus Europa, sondern aus dem Orient. Es gibt eigentlich keinen vernünftigen Grund, diese drei Religionen, die als abrahamitische so eng zusammen hängen, zu trennen, indem man zwei zu europäischen Religionen macht und die dritte zu einer außereuropäischen. Auch wenn man die an sich unsinnige Frage stellt, wer zuerst da war, muss man feststellen, dass der Islam in manchen Gebieten Europas früher da war als das Christentum. Das gilt wie gesehen für Gebiete im heutigen Russland, und auch in Spanien wurden Siedlungen und Städte von Muslimen gegründet und erst durch (Re-)conqista und Inquisition christianisiert.

 

Spanien (al-Andalus) habe ich bisher noch nicht erwähnt, weil im Unterschied zu Osteuropa dort keine muslimischen Gemeinschaften überlebt haben. Spanien war in unterschiedlicher Ausdehnung vom 8. bis ins 15. Jahrhundert unter muslimischer Herrschaft. Insgesamt lebten Muslime dort über 900 Jahre bis die spanische Inquisition, die nach dem erfolgreichen Ende der Reconquista einsetzte, sie zusammen mit den Juden vertrieben oder getötet hat. Muslime lebten also annähernd ein Jahrtausend in Westeuropa und das reicht nicht, um den Islam in die Reihe der europäischen Traditionen aufzunehmen?

 

Die Philosophie ist nur ein Beispiel für den Beitrag des Islams zur europäischen Zivilisation. Gerade über Spanien und Sizilien haben die Muslime einen nachhaltigen Einfluss auf die europäische Kultur gehabt. 827 beendeten aus dem heutigen Tunesien kommende Araber die byzantinische Vorherrschaft in Sizilien, bis im 11. Jahrhundert die Normannen die Herrschaft übernahmen. Unter den Normannen und den nachfolgenden Staufern lebten immer noch viele Muslime in Sizilien. Auch hier kam es zu bedeutenden kulturellen Leistungen. Insbesondere im Bereich der Naturwissenschaften, Handel und Technik könnte man vieles anführen, was hier nur angedeutet werden kann, denn sonst müsste man die gesamte Entwicklung der arabisch-islamischen Wissenschaften darlegen, z.B. in den Bereichen Mathematik, Medizin, Optik und Chemie, was den Rahmen dieses Vortrages sprengen würde. Man kann den Einfluss der islamischen Zivilisation auf Europa bis heute sehr gut am Wortschatz erkennen, und das soll hier als Hinweis genügen. Dieser Einfluss ist natürlich im Spanischen noch viel stärker, aber auch im Deutschen ist er erkennbar, insbesondere was die materielle Kultur und die Naturwissenschaften betrifft. Ein kleines Wörterbuch, das 2007 erschienen ist “Von Algebra bis Zucker. Arabische Wörter im Deutschen” hat solche Wörter zusammen getragen. Leicht zu identifizieren sind die Wörter, die den arabischen Artikel tragen wie Alkohol, Algebra, Alkali, Algorithmus und Alkoven (Schlafzimmer in Bürgerhäusern bis in 19. Jahrhundert). Namen aus dem Arabischen tragen auch Pflanzen und Lebensmittel: Aprikose, Artischocke, Aubergine, Kaffee, Kandis, Limonade, Marzipan, Natron, Sirup, Spinat und Zucker; Stoffe und Kleidung: Gaze, Musselin, Gamasche und Joppe; Instrumente: Gitarre, Laute und Tamburin; Materialien wie Kork und Lack; Begriffe aus dem Handel wie Magazin, Scheck; Haushaltsgegenstände wie Karaffe, Tasse, Matratze und Sofa, sowie mathematische und astronomische Begriffe wie Ziffer und Zenit. Wenn man die Geschichte dieser Wörter verfolgt, wird deutlich, dass es ein anderes Modell für den Kontakt zwischen Kulturen gibt: nicht das des Kampfes, sondern des Zusammenwirkens und Ineinanderfließens.

 

Der Islam hat seit dem Mittelalter und bis heute die Entwicklung Europas auf verschiedenen Gebieten beeinflusst. Der griechische Philosoph Aristoteles wurde der abendländischen Tradition durch seine arabische Rezeption zurückgegeben, Mozarts Opern sind ohne die Musik der Janitscharen (Osmanische Armee) nicht denkbar und einige der schönsten Gedichte Goethes sind freie Bearbeitungen arabischer Poesie. Neben solchen Allianzen freier Geister gab es den großen politischen und religiösen Konflikt um die Herrschaft über das Mittelmeer. Dessen Wirkungen sind bis heute zu spüren und werden teilweise sogar bewusst gegenwärtig angeheizt: Mit der Erinnerung an die Kreuzzüge oder die Türken vor Wien lässt sich immer noch besser politische Stimmung erzeugen als mit der abendländischen Aristoteles-Rezeption, obwohl deren Wirkungen mindestens genauso groß sind.