Orientalistische Haltung zum Islam

Der europäische „Orientalismus“ hat insbesondere den Islam immer wieder als „zeitlos, ewig, unbewegt“ bestimmt, ihm ein „ahistorisches“, gleichsam „außerhalb der Welt hockendes“ Wesen unterschoben. Auch wenn es zutrifft, daß die These von der „Abgeschlossenheit“ des islamischen Denkens innerhalb des Islam selbst im Rahmen der maßgeblichen Hauptströmung der Sunna seit al-Guwaini in oberflächlich ähnlicher Weise verfochten wird, so kann dies doch nicht die Grundlage für eine historisch bewusste, über sich und die anderen „aufgeklärte“ Haltung der gegenwärtigen Europäer zum Islam abgeben.

 

Gegen den - strukturell eurozentrischen - „Kulturkreis-Historismus“, der aus dem 19. Jh. weit kräftiger fortwirkt als alle universalistischen, emanzipatorischen Gesellschaftstheorien oder „großen Erzählungen“, deren wirkliche und angebliche Probleme die Vertreter der Generation der Postmodernen in der jüngeren Vergangenheit unter Rückgriff auf einen erneuerten Kulturrelativismus betont haben, ist auf einigen ganz elementaren Feststellungen zu bestehen:

 

- Der Islam ist nichts der europäischen intellektuellen Tradition Äußerliches, sondern er gehört selbst wesentlich zu unserem westeuropäischen Kulturerbe - und zwar in zweierlei Hinsicht: Zum einen als eine der Religionen aus der „abrahamitischen Tradition“, Judentum, Christentum, Islam, die sich alle - obwohl sie es jeweils mehr oder minder heftig bestreiten - inden letzten 1000 Jahren in Auseinandersetzung und Abgrenzung miteinander entwickelt haben, also historisch konkret jeweils ohne die beiden anderen nicht das wären, was sie heute geworden sind. Deswegen bietet die Besinnung auf den darin liegenden gemeinsamen Vorrat an Redeweisen, Metaphern, Narrationen heute einen viel zu wenig genutzten Schatz für die Dialogfähigkeit zwischen den zwar laizisierten, aber immer noch in dieser Tradition aufgewachsenen Nichtmuslimischen Westeuropäer und den europäischen Muslimen. Zum anderen aber auch als die zweite - nach dem byzantinischen Reichschristentum und vor der katholischen Christenheit - ausgearbeitete ideologische Artikulation von weltimmanenter späthellenistischer Philosophie und Wissenschaft, polisgesellschaftlicher und imperialinstitutioneller Rechtstradition und transzendenter Offenbarungsreligion, die für die „Geburt Europas“ als Vorbild, Folie und Denkmaterial gedient hat.

 

- Der Islam in seiner Geschichte - die innerhalb der islamischen Tradition selbst allerdings nur unzureichend in Erinnerung geblieben ist - enthält eine entscheidende Phase intellektueller Umbauarbeiten und Kritiken im Verhältnis von Philosophie und Religion, von Vernunftglauben und Glaubensobservanz, ohne die es schwer fiele, das überhaupt zu denken, was immer wieder als der eigentliche Kernbestand europäischer Identität behauptet wird: die Renaissance, die Reformation und die Aufklärung.

 

Dabei spielt aus westeuropäischer Sicht die Nichtexistenz einer die Gemeinde der Gläubigen hierarchisch erfassenden Kirche eine maßgebliche Rolle, wie sie vor allem vom katholischen Modell der „Christenheit“ entwickelt worden ist. Deswegen ist der geringe Stand des heute auf beiden Seiten - bei Muslimen und Nicht-Muslimen -vorhandenen historischen Bewusstseins über die gemeinsamen Traditionslinien in Religion und Philosophie, die sie sowohl verbinden als auch unterscheiden, ein kulturpolitisch dringend zu behebende Selbstaufklärungslücke.

 

 

Freiburg, 19.03.2017

wissen-islam.de