Frömmigkeit ist Gerechtigkeit

Was bedeutet Frömmigkeit? Ist damit nur das Gebet in der Kirche oder Moschee gemeint? Beschränkt sich die Definition von Frömmigkeit allein auf das Verhältnis zu Gott? Ist der Maßstab der Frömmigkeit im Volksglauben oder in Gottes Wort (Offenbarung, Koran)?

 

O die ihr glaubt, seit fest in Wahrung der Gerechtigkeit, und seid Zeugen für Allah (Gott), mag es auch gegen euch selbst oder gegen eure Eltern und Verwandte sein. Ob Reiche oder Arme, Allah steht beiden näher als ihr. Darum folgt nicht der Leidenschaft, auf das ihr imstande sein möget, gerecht zu handeln. Und wenn ihr die Wahrheit verhehlt oder ihr ausweicht, dann bedenkt, Allah ist wohl kundig eures Tuns. (Koran, 4:135)

 

Nach diesem Vers gilt die rechtliche Bewahrung und Überwachung in der Durchsetzung
der Gerechtigkeit als "Kollektivpflicht" der Allgemeinheit. Zur Verwirklichung dieses Ziels ist die Aufrichtigkeit der Zeugen von unerlässlicher Bedeutung, und die Garantie für eine aufrichtige Aussage ist Glaube und Gottesfurcht.

 

Ein wahrer Muslim (Gottergebener) sollte die Wahrheit sagen, auch wenn es gegen seine Eltern ist.

 

Lieben und Hassen ist eine Sache des Herzens, über die der Mensch keine Herrschaft hat.
Gerecht zu sein ist dagegen immer möglich. Daher ist dies ein Gebot für diejenigen, die an Gott und den Jüngsten Tag glauben. Die Erfüllung dieses göttlichen Gebots wird von Gott belohnt. Wer zuwiderhandelt ist ungläubig und ihm erwartet eine schmerzliche Strafe

 

Der Koran ruft in fast allen Suren und Versen zur "Gottergebenheit" (Islam) auf. Gottes- und Nächstenliebe gehören zusammen, der Glaube und die guten Werke hängen zusammen und ergänzen einander.

 

Nicht ist Frömmigkeit, wenn ihr euer Angesicht wendet nach Osten oder Westen. Vielmehr ist Frömmigkeit, dass man an Gott glaubt, den jüngsten Tag, die Engel, die Schrift und die Propheten, dass man das Geld, obwohl man es liebt, für den Verwandten, den Waisen, den Armen, den Reisenden, den Bettler und für die Sklaven hergibt, dass man das Gebet verrichtet und entrichtet die Armenspende... Sie sind die Aufrichtigen, Frommen und Gottesfürchtigen. (Koran, 2:177)

 

Im Volksglauben wendet man sich beim rituellen Gebet nach Jerusalem (Christen) bzw. Mekka (Muslime). Die Lehre über die Gebetsrichtung (vgl. 2:43) soll hier so verstanden werden, dass die Einnahme der Qibla (türk. Kible) keinesfalls den Menschen mit der echten Frömmigkeit prägt. Unserer Auffassung nach wurde auch neben vielen anderen wichtigen Begriffen, der Begriff "Qibla" zur Zeit der Amaviten für ihre politischen Zwecke verfälscht bzw. verdreht. Qibla bedeutet auf deutsch "Orientierung" bzw. "Richtung". Im sunnitischen und schiitischen Islam wurde es als "die Gebetsrichtung" für das rituelle Gebet gedeutet, da die Amaviten und die Abbasiden nach Mohammeds ableben, viele koranische Begriffe für ihre weltlichen Zwecke und politischen Machtansprüche verfälscht haben. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie den Koran verfälscht haben, sondern die Bedeutungen bestimmter Begriffe die im Koran einen wichtigen Platz einnehmen, anders ausgelegt und gedeutet als es der heilige Koran meint.

 

Im obigen Vers wird die Qibla, also die Richtung und Orientierung der Gläubigen gezeigt, indem der Schöpfer offenbart, dass man nicht ein frommer Gläubiger ist, wenn man sich Richtung Mekka (Osten) niederwirft, sondern wenn man sich vor seinen Hilfebedürftigen Mitmenschen niederwirft, indem man z.B. Waisen, Armen, Verwandten und Reisenden von seinem Besitz gibt. Denn Frömmigkeit ist vielmehr die Einhaltung der Gebote Gottes. Ein wahrer Gläubiger, für den die Liebe zu Allah (Gott) und seinen Mitmenschen Priorität hat, muss seinen Glauben durch wohltätige Handlungen untermauern.

 

Bei wahrer Frömmigkeit also geht es nach dem Koran nicht um traditionelle Rituale (Teppich Richtung Mekka ausrollen oder in der Kirche auf die Knie gehen), sondern um eine Ausrichtung auf Gottes Gebote und auf den notleidenden Menschen. Es geht darum, sich im Namen der Gottes Gebote für bedürftige und notleidende Menschen einzusetzen.

 

Angesichts des Erbarmers Gottes ermahne ich euch, meine Brüder, euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt; das ist für euch der wahre und angemessene Gottesdienst. (Bibel, Römer 12:1)

 

Ganz einfach ausgedrückt könnte man von "Islam machen" sprechen. Das Wort Islam leitet sich von aslama ab und bedeutet "übergeben, sich hingeben". Der Mensch übergibt sich Gottes Geboten. Damit ist nicht das Verhältnis zwischen Herrscher und Untertan gemeint und demnach keine willenslose Hingabe/Unterwerfung, die auf Zwang beruht. Es geht nicht um ein Gehorsam, der von außen auf den Menschen aufgezwungen wird, sondern um eine innere Entscheidung, die Gebote Gottes als Maßstab und Rechtleitung (Richtschnur) des eigenen Lebens anzunehmen.

 

Es gibt keinen Zwang in der Religion. Der richtige Weg ist nun klar erkennbar geworden vom unrichtigen. Wer also die tâghût (falsche Gottheiten und Mächte des Bösen, die Modelle von Glauben und Herrschaft etablierten, welche Gott Hohn sprachen) ablehnt und an Gott (als den einzigen Gott, Herrn und der Anbetung Würdigen) glaubt, der hat gewiss den sichersten, unzerbrechlichsten Halt ergriffen; und Gott ist hörend , wissend. (Koran, 2:256)

 

Islam ist das Verhältnis einer Liebesbeziehung zuerst von Gott zum Menschen durch sein Wort (den Koran), danach vom Menschen zu Gott und in der Konsequenz auch zu anderen Menschen. Denn die Barmherzigkeit Gottes durch die Offenbarung, soll den "annehmenden" zur Barmherzigkeit gegenüber anderen führen.

 

 "Und Fromm sind diejenigen die ihr Versprechen halten".

Die Gläubigen sollen sich in Tugenden wie Standhaftigkeit und Geduld üben, damit sie sich bei körperlichen Schmerzen oder Leiden, bei jeder Art von Unglück, gleichviel ob es selbst
verschuldet ist oder nicht, und in Zeiten öffentlicher Drangsal wie Verleumdung, Hetze, Gewalttätigkeiten oder Krieg ausgesetzt sind, bewähren. Diese sind die Aufrichtigen, Frommen und Gottesfürchtigen, dies sind wahre Muslime.

 

 

Freiburg, 4.März 2017

wissen-islam.de