Sure al-Baqara, Vers 4

Der Vers: ...und die an das glauben, was vor dir (o Muhammed) offenbart wurde, (wie die Thora, die Evangelien und die Psalmen sowie die Schriftrollen Abrahams), und die vom Jenseits überzeugt sind.

 

Exegese: Das arabische Wort yaqîn wurde hier mit überzeugt übersetzt. Es bedeutet, daß man in einer Angelegenheit keinerlei Zweifel an deren Wahrheit hat und daß man zu genauer, zweifelsfreier Kenntnis gelangt ist. Diese Kenntnis mag entweder aus der Offenbarung abgeleitet sein oder auf Studien und Überprüfung beruhen. Es gibt drei Kategorien von yaqîn: zum einen die Gewissheit, die im Wissen wurzelt (´ilm al-yaqîn), dann die Gewissheit, die direkter Beobachtung oder dem sehen mit eigenen Augen entspringt (´ayn al-yaqîn), und schließlich die Gewissheit, die aus unmittelbarer Erfahrung stammt (haqq al-yaqîn). So zeigt beispielsweise aufsteigender Rauch an, daß es irgendwo Feuer gibt. Dieser Rauch vermittelt uns einige Gewissheit darüber, wo sich das Feuer befindet. Dies ist eine Gewissheit, die im Wissen wurzelt. Wenn wir zu der Stelle gehen, wo der Rauch sich erhebt und das Feuer mit eigenen Augen sehen, dann erhalten wir eine Gewissheit, die direkter Beobachtung oder dem Sehen mit eigenen Augen entspringt. Stecken wir nun auch noch unsere Hand ins Feuer und fühlen die Hitze, die von ihm ausgeht, so vermittelt uns dies eine Gewissheit, die aus unmittelbarer Erfahrung stammt. Gewissheit hinsichtlich des Jenseits oder doch zumindest ein bestimmtes Maß an Glauben an das Jenseits vermitteln uns die Offenbarung, Entdeckungen, das "Sehen mit dem Herzen" (der spirituelle Intellekt), vernunftbasierte Ableitung oder Schlussfolgerung, bestimmte Kontakte mit den Seelen toter Menschen (vorausgesetzt, daß die Kontaktherstellung auf rechtmäßige Weise geschieht), Träume, die sich bewahrheiten, und wissenschaftliche Studien. In all diesen Fällen wird die erworbene Gewissheit im Wissen wurzeln und damit der ersten Kategorie von yaqîn zuzuordnen sein.

 

Indem der Koran hier die Eigenschaften der Gläubigen in einigen wenigen, straff gehaltenen Formulierungen beschreibt, bringt er die grundlegenden Prinzipien des Islams wunderbar auf den Punkt. Der Islam beruht auf dem Glauben an metaphysische Wahrheiten, darunter an aller erster Stelle der Glaube an die Existenz Gottes mit all Seinen Attributen und Namen - die Quelle jeglichen Glaubens. Wenn man an einer der Glaubensartikel des Islams glaubt, dann bedingt dies auch den Glauben an die anderen; denn man kann nicht von dem einen überzeugt sein, ohne die anderen mit einzubeziehen. So erfordert beispielsweise der Glaube an Gott auch den Glauben an die Propheten, denn es sind ja in erster Linie die Propheten, die uns Auskunft über Gott und Antwort auf die wesentlichen Fragen geben, die wir uns als Menschen stellen: Wer bin ich? Was hat die Welt überhaupt zu bedeuten? Was ist der tiefere Sinn, das Wesen und die Bedeutung des Lebens? Wer hat mich in diese Welt geschickt und warum? Was fordern Lebe und Tod von mir? Was ist meine letztendliche Bestimmung? Wer ist es, der mich auf der Reise durch dieses Leben leitet? Der Glaube an die Propheten wiederum erfordert den Glauben an die Offenbarung, an die Heiligen Schriften und die Engel. Schließlich ist das Leben nach dem Tod sowohl die unvermeidliche Folge dieses Lebens, und es setzt zugleich voraus, daß Gott mit all Seinen Attributen und Namen ewigwährend ist.

 

Ein Hadith besagt, daß das täglich fünfmal zu verrichtende Gebet eine der Säulen des islamischen Lebens ist. Ohne dieses Gebet lässt sich das Gebäude des Islams nicht errichten. Das hingeben für die Bedürftigen stellt eine Brücke zwischen den Menschen dar, eine Brücke, die den Graben überspannt, welche die gesellschaftlichen Klassen voneinander trennt. Der Glaube an alle Propheten und Schriften Gottes macht die Gesamtheit der Gläubigen von der Zeit Adams bis heute zu Brüdern und Schwestern, Der Islam ist gewissermaßen die Quintessenz aller Religionen Gottes, und der Prophet Muhammed war der Erbe aller seiner Vorläufer. Der Glaube an das Jenseits schließlich erweitert das Leben und die Zeit bis hinein in die Ewigkeit und umfängt alle Gläubigen unter den Menschen, den Dschinn und den Engeln in einer einzigen ewigen währenden Umarmung. 

 

 

Quelle: Der Koran und seine Übersetzung, Ali Ünal