Sure al-Baqara, Vers 3

Der Vers: Die an das Verborgene glauben, das Gebet verrichten und von dem spenden, was Wir ihnen (an Vermögen und Wissen) gegeben haben (als Unterhalt für Bedürftige und für Gottes Sache, einzig um das Wohlgefallen Gottes zu erlangen und ohne damit Ansprüche gegen andere zu verknüpfen).

 

Exegese: Das arabische Wort ghayb wurde hier mit das Verborgene übersetzt. Es steht im Gegensatz zu schahâda - was zu beobachten oder wahrnehmbar ist. So bezeichnet ghayb also das, was nicht unmittelbar wahrnehmbar ist oder über die Aufnahmefähigkeit der fünf Sinne hinausgeht. Dabei unterscheidet man zwischen absolutem ghayb und begrenztem oder relativem ghayb. Das absolute ghayb bezeichnet von dieser Welt aus betrachtet Gott mit Seinen Attributen und Namen sowie die Welten des Jenseits. Gewöhnliche Menschen (was ihre spirituelle Entwicklung betrifft) werden die Welten der Engel, der Dschinn, der Geisteswesen und anderer immaterieller Wesen ebenfalls dem absoluten ghayb zurechnen. Das genaue Wissen um das absolute ghayb gehört ausschließlich Gott. Teile davon kann Er jedoch wem immer Er will von Seinen Dienern auf unterschiedlichste Weise zugänglich machen, insbesondere Seinen Gesandten.

 

Was das begrenzte oder relative ghayb angeht, so umfasst es alles, was wir nicht "wahrnehmen" können innerhalb der Lebensumstände, denen wir gerade unterworfen sind. Dazu zählen in erster Linie Ereignisse in Vergangenheit und Zukunft. Im Koran wird z.B. der Begriff "Botschaften des ghayb" verwendet, wenn es darum geht, aus der Geschichte vergangener Völker zu berichten. Diese Art ghayb kann offengelegt werden, wenn man Studien und Nachforschungen anstellt oder wenn - im Hinblick auf die Zukunft - die Zeit vergeht.

 

Das die Gläubigen im Koran zuerst für ihren Glauben an das ghayb gelobt werden, ist sehr wichtig. Denn dies bedeutet, dass das Dasein keineswegs auf das beschränkt ist, was wir wahrnehmen und beobachten können. Die diesseitige materielle Sphäre stellt eine Manifestation dessen dar, was verborgen und nicht zu beobachten ist, wobei die Manifestationsform den charakteristischen Merkmalen dieser unserer Sphäre entspricht. Deswegen liegt die Wahrheit und volle Wirklichkeit jedes Phänomen auf Erden in der Welt des ghayb. Wenn der Glaube der Gläubigen an das ghayb bereits ganz zu Anfang des Korans erwähnt wird, so lehrt uns das, wie wir die Dinge und Ereignisse zu betrachten haben; zu diesem Zweck werden wir mit einem Richtmaß ausgestattet, an dem wir unseren Standpunkt ausrichten können. Diese Welt ist wie ein Buch, dessen Bedeutung im ghayb liegt und das uns mit seinem Schöpfer vertraut macht. Und die Gläubigen sind Menschen, die dieses Buch sorgfältig studieren und dabei seinen Verfasser entdecken. Aus diesem Blickwinkel betrachten sie alle Dinge und Ereignisse auf Erden, und ihr Standpunkt gibt ihren Studien ein festes Fundament. An genau diesem Punkt weicht die islamische Erkenntnislehre von der neuzeitlichen Erkenntnistheorie ab.

 

 

Quelle: Der Koran und seine Übersetzung, Ali Ünal