Die Hysterie um den Islam

Die Hysterie um "den Islam" scheint keine Grenzen zu kennen: Die Hälfte der 6.000 auf Planstellen beschäftigten Mitarbeiter des Verfassungsschutzes beobachten hierzulande die "Islamistische Szene". Die Angst vor allem, was mit dem Islam zu tun hat oder zu tun haben könnte, ist bis in die Poren der Gesellschaft gedrungen: Diese Latenz erklärt die Popularität von Publikationen wie den Büchern von Henryk M. Broder oder Thilo Sarrazin. Sie erklärt auch, weshalb dem rechtsextrem-rassistischen Spektrum zugehörende Massenmorde wie der des Norwegers Anders Breivik von den Medien zunächst ohne jede Prüfung spontan und geradezu selbstverständlich "Islamisten" zugeordnet wurden, warum die Mordserie des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) nicht erkannt werden konnte - oder vielleicht gar sollte: "Döner-Morde" wurden sie genannt, obwohl ein einziges Opfer an einem Imbißstand getötet wurde, "Bosporus" hieß die dafür gebildete Sonderkommission und wies eindeutig die Richtung in die zu ermitteln war. Die mediale Rede von der "Halbmond-Connection" verquickte Vorstellungen von organisiertem Verbrechen mit dem Islam.

 

Hinter der Angst und ihrer medialen Inszenierung steht die zentrale Frage der Definition des "Wir", des Bildes von unserer eigenen Gesellschaft, denn "im Umgang mit Minderheiten zeigt sich immer zugleich das Selbstverständnis einer Gesellschaft im Ganzen". Wer also über den Anderen spricht, spricht in erster Linie über sich selbst: So wie "der Andere" dazu dient, das "Wir" zu definieren, so sagt der Diskurs über "den Anderen" meist mehr über das "Wir" aus als über diesen Anderen. Mit der Erfindung der Nation erhielt diese Identitätsbildung eine neue Dimension, identifizieren sich die Bürgerinnen und Bürger doch aufgrund imaginierter oder propagierter Gemeinsamkeiten mit ihrem Gemeinwesen- Volk und Staat.

 

Im Zeitalter der Globalisierung geht es jedoch nicht mehr um innerstaatliche Prozesse: Mit dem ende der Sowjetunion ist auch die reale oder imaginierte Bedrohung "des Westens" durch staatlich organisierte Akteure im Osten weggefallen. Die NATO reagierte hierauf nicht mit ihrer Auflösung, sondern durch die  Erweiterung des Sicherheitsbegriffs. Er umgreift auch so diffuse Gefährdungen wie Ökologie und internationale Kriminalität, aber eben auch Migration und internationalen Terrorismus. Der Islam. dargestellt als fremde und aggressive Gesellschaftsordnung, wird zum Feind "unserer" Werte, Gesellschaftsordnung, ja Identität. Berechtigte soziale Ängste werden auf diese "wesensfremde" Bedrohung projiziert - was dazu dient, von den ökonomischen und sozialen Problemen abzulenken. Zugleich aber wird der "Krieg gegen den Terror" genutzt, um in teilweise neuem Gewande imperialistische Ziele zu verfolgen. Der Feind bedroht "uns" nicht nur von außen, sondern auch im Innern. In besonderer Weise wird dies deutlich in der Debatte um Salafisten und Djihadisten, wobei sich die grundsätzliche Frage stellt, ob die treibenden Kräfte dieser Welt wirklich Ideologien und vor allem Religionen sind. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich nämlich, daß nicht nur "der Westen", sondern auch die "Gotteskrieger" eiskalt kalkulieren und harte materielle Interessen verfolgen.

 

Die Konstruktion der mit dem Islam assoziierten Bedrohungen greift zurück auf alte rassistische Vorurteile wie insbesondere den Antisemitismus. Hinter einer heuchlerischen Fassade der Judeophilie und insbesondere des Philozionismus verstecken sich sowohl Teile der nicht verarbeiteten deutschen Geschichte wie tief wurzelnde xenophobe Einstellungen, die bis in die Mitte unserer Gesellschaft reichen. Die alten Klischees werden nun auf die Menschen projiziert, die in den letzten Jahrzehnten nach Europa eingewandert sind. "Der Islam" wird, um die Menschen, die Muslime, nicht nennen zu müssen, zum globalen Feindbild erhoben. Dieses transnationale Feindbild ist auf europäischer Ebene Nährboden für die Entwicklung einer rechtslastigen und rassistischen politischen Bewegung, die Demokratie und Rechtsstaat unter dem Vorwand bekämpft, gerade diese Errungenschaften vor "dem Islam" schützen zu wollen.

 

 

Quelle: Werner Ruf, Der Islam - Schrecken des Abendlands; Wie sich der Westen sein Feindbild konstruiert