Al-Fatiha (Die Eröffnung)

Der Vers:

1. IM NAMEN GOTTES, DES ERBARMERS, DES BARMHERZIGEN

2. Lobpreis sie Gott, dem Herrn der Welten

3. Dem Sich Erbarmenden, dem Barmherzigen

4. Dem Herrscher am Tage des Gerichts

5. Dir allein dienen wir, und Dich allein bitten wir um Hilfe

6. Weise uns den geraden Pfad,

7. Den Pfad derer, denen Du Gnade erwiesen hast, die nicht (Deinem) Zorn verfallen sind (nämlich Deiner Strafe und Verdammung), noch derjenigen, die irregehen.

 

Exegese: Dieser Segensreiche Satz bi´sm-illahi-rahmani-rahim, der mit den Worten Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen! übersetzt und Basmala genannt wird, stellt eines der Symbole des Islams dar. Die Muslime schicken diese Formel jeder guten Tat voraus. Mit ihr treten alle Dinge und Geschöpfe ins Dasein, und mit ihr bewahren sie sich ihre Existenz. Der Partikel "bi" bedeutet hier sowohl "in/im" als auch "mit", sodass den Gesetze des Erbarmers entsprechend alles, was existiert, in und mit seinem Namen handelt.

 

Ein winziges Samenkorn tief in der Erde keimt und bahnt sich seinen Weg durch Erdreich und Gestein, um den Gesetzen des Erbarmers gemäß dem Sonnenlicht entgegen zu wachsen, indem es das (besondere) Erbarmen des Erbarmers erfleht. Uns Menschen wurde die Gunst des freien Willens zuteil, daher sollten wir stets gutes tun, und immer in Gottes Namen sowie in der Absicht, Sein Wohlgefallen zu erlangen. Wenn wir die entsprechenden Anstrengungen unternehmen, sollte dies stets im Namen Gottes und mit Seinem Namen auf den Lippen geschehen.

 

Das arabische Wort ism - deutsch: Name - stammt entweder von de Wurzel s-m-w ab, die die Bedeutung "hoch, erhaben sein" in sich trägt, oder von der Wurzel w-s-m, was soviel heißt wie "Zeichen". Ein verwandtes Wort, samâwât, bedeutet "Himmelssphären" oder 2Himmelsgewölbe", weil es sich hoch oben befindet. Die Worte im Namen Gottes erinnern uns daran, daß Gott der Erhabene ist und der Besitzer der Namen, an den wir uns wenden können. Wenn wir den Namen Gottes aussprechen, meinen wir damit nur diesen Einen Gott und gedenken Seiner.

 

Was Seine Existenz oder Essenz (dhât) betrifft, besitzen wir kein Wissen um Gott (im Sinne des arabischen Wortes ´ilm). Denn es gibt nichts und niemanden wie Ihn und auch nichts, was Ihm vergleichbar wäre. So ist es also ganz und gar ausgeschlossen, Seine Essenz zu erfassen oder zu begreifen. Allerdings können wir Gott erkennen oder gleichsam Wissen von Ihm erlangen (im Sinne des arabischen Begriffs ma´rifa) durch Seine Werke, Handlungen, Namen, Attribute und wichtigste Qualitäten (schu´ûn). Das Gewahrwerden Seiner Werke (was wir in dieser Welt sehen, Seine Schöpfung) führt dazu, daß wir uns Seines Handelns bewußt werden, und dieses Bewußtwerden bringt uns Seinen Namen näher, was Seinerseits dazu führt, daß wir Seine essenziellen Qualitäten entdecken und folglich den Einen erkennen, der diese Qualitäten besitzt.

 

Die Hinwendung zu dem Einen Gott erfolgt entweder dadurch, daß wir über Gottes Werke nachdenken - über das Universum, das insbesondere uns menschliche Wesen einschließt.

 

Allah - deutsch: Gott - lautet der Eigenname des Einen Gottes, der Seine Geschöpfe (jedes für sich und ihrer Gesamtheit) erschafft und erhält, der sie versorgt, heranwachsen lässt, ihnen Unterhalt gewährt, sie beschützt, der sie rechtleitet, vergehen lässt, und jedes Einzelne von ihnen wiedererweckt, der belohnt und bestraft usw. Alle Seiner Attribute sind Attribute absoluter Vollkommenheit und Er, Gott, ist vollkommen frei von Mängeln jeglicher Art. Er ist einmalig und einzig. Es gibt nichts, was Ihm gleich oder ähnlich wäre, und nichts lässt sich auch nur mit Ihm vergleichen. Er ist über jegliche menschliche Vorstellung erhaben. Kein Blick vermag Ihn zu erfassen, Er aber umfasst alle Blicke. (6:103)

 

Gott ist der Einzige, der das exklusive Rech besitzt, angebetet zu werden und zum einzigen Zweck des Lebens gemacht zu werden. Er ist um Seiner Selbst willen geliebt. Alles ist von Ihm abhängig und existiert durch Ihn. Jede Wahrheit hat ihren Ursprung in Ihm. Seine Existenz steht so eindeutig fest, daß man wohl Zweifel an der eigenen Existenz haben mag, jedoch niemals an Seiner zweifeln kann und darf. Die Eindringlichkeit und Vielfalt Seiner Manifestationen verhindert, daß Blicke Ihn erfassen. Sein Licht ist gleichsam ein Schleier vor den Blicken. Er wird angebetet, weil es Ihm als Gott zusteht; und nicht etwa anders herum: Er ist nicht deshalb Gott, weil er das Objekt der Anbetung ist.

 

Ohne (Glauben an) Gott ist das Leben eine einzige Qual, der Verstand eine Strafe und Wissen reine Illusion; ohne Ihn sind Ansprüche nichts anderes als Schmerzen, Errungenschaften nichts anderes als Verluste, ist Vereinigung gleichbedeutend mit Trennung, Liebe gleichbedeutend mit Leid, Freude gleichbedeutend mit Unbehagen. Der Glaube ist das Heilmittel für die Leidenden und die Medizin für verwundete Herzen. Herzen finden zu innerer Ruhe und Gelassenheit, indem sie Gottes gedenken und Seinen Namen aussprechen. Wer immer Ihn gefunden hat, hat alles gefunden; wer immer Ihn verloren hat, hat alles verloren.

 

Das Universum ist das Werk des Erbarmers, und Gottes Barmherzigkeit, die der Name "Der Erbarmer" verkörpert, umfängt die Schöpfung in ihrer Gesamtheit. Dabei gibt es zwei Aspekte der Manifestation Gottes im Universum: Ein Aspekt liegt in Seiner universellen Manifestation einschließlich all Seiner Namen im Universum. Diese lässt sich anhand einer Analogie verdeutlichen: Auch die Sonne manifestiert sich überall in der Welt mit ihrem Licht, einschließlich ihrer sieben Farben und ihrer Wärme. Diese Form der Manifestation nennt man die Manifestation der Einheit (at-tadschallî al wâhidiya). Und der (attributive) Name "Der Erbarmer" bildet den Quell dieser Manifestation. Er ist der Ursprung der wunderbaren Ordnung im Universum, in dem alles in absolutem Gehorsam den Gesetzen des Erbarmers folgt. Ein vorzügliches Beispiel und offenkundiges Symbol dieser Manifestation ist die Belebung der Erde samt ihrer Pflanzen und Lebewesen und die gleichzeitige Versorgung, Bewahrung und Ordnung all dessen in vollkommener Harmonie und Barmherzigkeit. All dies basiert auf der Manifestation Gottes als Der Erbarmer und ist von ihr abhängig.

 

Der zweite Aspekt der Manifestation Gottes wird begreiflich, wenn man sich vor Augen führt, auf welche Weise sich die Sonne in jedem einzelnen Gegenstand oder Lebewesen manifestiert, je nachdem wie dieser oder dieses beschaffen ist. Analog dazu manifestiert sich Gott in jedem Seiner Geschöpfe mit einem oder mehreren Seiner Namen, wobei Seine anderen Namen dann jeweils in den Hintergrund treten. Diese Form der Manifestation ist das Resultat der Existenz Gottes al Ar-Rahîm - der Barmherzige. Sie wird die Manifestation der Barmherzigkeit genannt. Gott umfasst die gesamte Schöpfung als Ar-Rahmân (der Erbarmer) sowohl in dieser Welt als auch im Jenseits. Kategorien wie gläubig oder ungläubig, wahr und unwahr, richtig und falsch, schön und hässlich oder gut und böse sind für Ihn ohne Belang. Als Ar-Rahîm (der Barmherzige) wiederum gilt Seine besondere Gunst vor allem Glauben, Gerechtigkeit, Wahrheit, Recht, Schönheit und dem Guten - schon in dieser Welt, in erster Linie aber im Jenseits.

 

Kein Geschöpf besitzt irgendeinen Einfluss auf seinen Eintritt in diese Welt, auf seine Hautfarbe oder ethnische Zugehörigkeit, auf Zeit und Ort seiner Geburt oder seines Todes, auf seine Körpermerkmale oder auf das funktionieren seines Körpers. All dies ist abhängig von der absoluten Entscheidung Gottes als dem Erbarmer, und so lässt sich daraus auch keine irgendwie geartete Überlegenheit oder Unterlegenheit ableiten, geschweige denn irgendein Grund für Diskriminierungen unter den Menschen. Andererseits jedoch haben die mit einem Bewußtsein ausgestatteten Erdbewohner (Dschinn und Menschen) die Wahl zwischen Glaube und Unglaube, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, richtig und Falsch, Gut und Böse, Wahrheit und Falschheit. Sie entscheiden mit ihrem freien Willen und sind deshalb auch für ihre Entscheidungen verantwortlich. Als Ar-Rahîm der Barmherzige, hilft Gtt all jenen, die den Glauben, das Rechte, die Gerechtigkeit und das Gute in dieser Welt vorziehen und belohnt sie mit ewig werdender Glückseligkeit im Jenseits. Aber wäre Er nicht gleichzeitig auch Ar-Rahmân, der Erbarmer, so wären wir erst gar nicht in diese Welt gekommen. Seine Existenz als Ar-Rahîm erlaubt Er uns, von unserem freien Willen gebrauch zu machen, die richtigen Entscheidungen zu treffen, Gottes wunderbare Handschrift zu erkennen, herauszufinden, was Glaube, Religion und Prophetenschaft sind, und nicht zuletzt: ewig werdende Glückseligkeit im Paradies zu erlangen.

 

 

Das Wort Herr, die Übersetzung des arabischen Begriffes rabb, verfügt über drei miteinander verbundene Bedeutungsebenen: 1. Erzieher, Ausbilder, Erhalter, Versorger;

2. Herr und Herrscher; 3. Jemand, der anordnet, verwaltet und überwacht.

 

Die Tatsache, dass Gott rabb ist, besagt, dass alles (und jeder Bestandteil von allem) von den Elementen oder unbelebten Objekten bis hin zu den Pflanzen, Tieren und Menschen, ebenso wie alle anderen Geschöpfe in anderen Welten - von Ihm ins Dasein gerufen und

versorgt wird, Seine Weisungen erhält und von Ihm überwacht wird, bis es seine ihm zugedachte Vollkommenheit erlangt, also den Zweck seiner Erschaffung erfüllt hat. Demnach sind das, was wir allgemein als "Naturgesetze" bezeichnen, in Wirklichkeit Titel

oder Beschreibungen von Gottes Ausübung Seiner Herrschaft, also von Seiner Existenz als rabb.

 

Gott erzieht und schult die Menschheit, indem er ihnen Propheten und Religionen schickt. Wenn wir Gott daher als den alleinigen Erzieher, Lehrer, Bewahrer, Versorger, Herrn und Herrscher aller Wesen bestätigen (at-tauhid ar-rubûbiya), dann bestätigen wir damit eine weitere Dimension des Glaubens an Seine Einzigkeit und Einheit. Welten ist die Übersetzung des arabischen Wortes ´âlamîn (Singular: âlam), das aus dem Wort

'alama/'alâma abgeleitet ist - etwas, das etwas anderes bekanntmacht. In diesem Sinne ist also jedes einzelne Ding oder jede Gruppe von Dingen, von den winzigsten Partikeln, die noch kleiner als Atome sind, bis hin zu den riesigsten Sternennebeln und Galaxien eine eigene "Welt", die auf Gott hindeutet. Die Mehrzahl ('âlamin) wird insbesondere für Wesen benutzt, die mit einem Bewusstsein ausgestattet sind. Damit soll angedeutet werden, dass alles, was jemals erschaffen wurde, so erschaffen wurde, als sei es sich seiner selbst bewusst und als verweise es auf die Existenz, Einheit und Herrschaft Gottes.

 

Aus einer anderen Perspektive betrachtet, soll hier wohl angedeutet werden, dass es unterschiedliche Welten gibt: lâhût (das Hohe Empyreum: also die reine, immaterielle Welt der reinen Wirklichkeiten Gottes), dschabarût (eine weitere immaterielle Welt, in der sich die Wirklichkeiten Gottes in ihren reinen, immateriellen Formen manifestieren), malakût (die Welt der reinen inneren Dimension des Seins), mithâl (die Welt der Symbole oder der idealen, immateriellen Formen der Dinge) und schahâda (die materielle Welt einschließlich der Welt, die wir Menschen wahrnehmen). Diese Welten sollte man sich eher als Dimensionen vorstellen, denn als feste Standorte: Die Wahrheiten oder Realitäten Gottes,

die sich in dieser Welt in materiellen Formen manifestieren, manifestieren sich in anderen Welten in den Formen, die ihnen jeweils eigen sind.

 

Der Tag des Gerichts heißt auf Arabisch yaum ad-din. Das Wort din wird im Deutschen für gewöhnlich mit "Religion" übersetzt und leitet sich von dem Verb dâna (Wurzel d-y-n)

ab, was soviel bedeutet, wie "sich zu einer Religion bekennen". Die Wurzel d-y-n verfügt aber noch über eine Reihe von weiteren Bedeutungsebenen - so zum Beispiel sich ausleihen, schuldig sein, unterworfen oder gebunden sein, Gefolgschaft schuldig sein, zur Rechenschaft gezogen werden, gerichtet werden, überführt werden. (Das damit verwandte Substantiv ist dayn - "Schuld" oder "Verbindlichkeit", "Verpflichtung".) Das islamische

Konzept von Religion (din) schließt all diese Bedeutungen in sich ein. Gott hat uns aus der Finsternis des Nicht-Seins in das Licht des Daseins gebracht, hat uns in der besten Form erschaffen und uns auf den höchsten Rang in der Hierarchie der Schöpfung erhoben. Er hat gleichsam dem Teig unseres Daseins gewisse Zutaten hinzugefügt, die uns, sofern sie in die richtigen Bahnen gelenkt werden, erlauben, in immer höhere Ränge der Vollkommenheit aufzusteigen (auch wenn diese Elemente oberflächlich betrachtet als negativ oder destruktiv empfunden werden mögen).

 

Damit wir diese "Zutaten" mit Seiner Hilfe unter Kontrolle bringen und uns nicht von ihnen zerstören lassen und damit wir dazu angeregt werden, alle unsere Fähigkeiten und die positiven Elemente in unserem Dasein auf die rechte Weise einzusetzen, hat Er Propheten entsandt und uns durch sie und durch Seine Offenbarungen gelehrt, wie wir unser Leben gestalten sollen. All dies sind Gottes Gnadenbeweise und Geschenke, für die wir Ihm Dankbarkeit schulden. Wenn wir unsere Dankesschuld abtragen möchten, dann bedeutet das in erster Linie, dass wir ein Leben in Übereinstimmung mit Gottes Geboten führen. In diesem Sinne bedeutet Religion oder din die Beachtung der Gebote Gottes, die einzuhalten uns aufgetragen wurde, um das Gute zu verwirklichen und errettet zu werden. Der Tag wird kommen, da wir zur Rechenschaft gezogen werden für unsere Bemühungen in dieser Hinsicht. Dann wird man uns danach beurteilen, was wir in dieser Welt getan haben, und entsprechend belohnen oder bestrafen. Der einzige und uneingeschränkte Herrscher an diesem Tag wird Gott sein.

 

Geradeso wie die Lebensspanne dieses Universums als ein "Tag" bezeichnet wird, gilt auch die Zeitspanne, die die Wiedererweckung nach dem Tod zum neuen Leben, den Urteilsspruch Gottes und die ewige Vergeltung für das, was wir in dieser Welt getan haben, als ein "Tag". An jenem Tag werden die Realitäten der Religion deutlich hervortreten und sich in vollem Umfang manifestieren. Unter anderem deshalb wird er im Koran yaum ad-din, der Tag des Jüngsten Gerichts, genannt.

 

 

 

Quelle: Der Koran und seine Übersetzung, Ali Ünal