Die fremde-neue Religion des Abendlandes

Unter allen Religionen ist der Islam diejenige, die im Abendland am wenigsten verstanden und am meisten gefürchtet wird. Es scheint für viele leichter zu sein, sich der bunten Vielfalt des Hinduismus, der unserer Denkweise so fremden Psychologie des Buddhismus oder dem streng dualen Zoroastrismus zu nähern als jener monotheistischen Religion, die schon dadurch für den abendländlichen Christen zum Stein des Anstoßes geworden ist, daß sie nach dem Christentum auftrat und den Anspruch stellte, die ihr vorausgegangenen Religionen zu vollenden und zu krönen.

 

Politische Gründe haben zu einer Vertiefung dieser Aversion (Abneigung) geführt, obschon man in den Chroniken des frühen Mittelalters lesen kann, daß die Muslime von vielen christlichen Gruppen, des Nahen Ostens als Befreier von einer Diktatur der byzantinischen Staatskirche erfreut empfangen wurden, und obgleich man weiß, daß die Juden im mittelalterlichen Islam als „Schutzbefohlene“ (gleich den Christen) eine bedeutend bessere Stellung innehatten als in Europa der gleichen Zeit.

 

Doch die doppelte Angst – vor der religiösen und der politischen Bedrohung – blieb lebendig, und die letzten Jahrzehnte mit dem immer wieder beschworenen und doch so selten richtig verstandenen Phänomen des wachsenden „islamischen Fundamentalismus“ haben die Aversion gegen die letzte der großen abrahamitischen Religionen noch verstärkt, geschürt von oberflächlichen Berichten, die am wirklichen Wesen des Islam vorbeigingen, vertieft auch durch die Gegenwart so vieler Türken in unserem Lande, deren Gedanken so unverständlich scheinen.

 

Zur gleichen Zeit aber findet man, daß eine wachsende Anzahl von Europäern und Amerikanern zum Islam übertritt – teilweise geleitet von einem mystischen Suchen nach einer sonst verlorenen Einheit, teilweise in der Hoffnung, eine Form der Frömmigkeit zu entdecken, in der sie inneren und äußeren Halt finden – einen Halt, den ihnen die moderne Zivilisation und selbst viele der Kirchen nicht geben können. Diejenigen, die sich dem Islam anschließen, interpretieren ihren Schritt in verschiedener Weise; denn jeder der zahlreichen Aspekte des Islam hat den Menschen angezogen, die nun versuchen, ihren Weg für ihre Mitmenschen zu erklären, wobei nicht selten der Fanatismus des Neubekehrten durchschimmert, der, glücklich, die Wahrheit gefunden zu haben, sich von allem, was er hinter sich gelassen hat, mit Verachtung abwendet.

 

Der Europäer oder Amerikaner, der auf diese Weise zum Islam gekommen ist, steht mit einem Bein in dieser, mit dem anderen in jener Tradition, über der Grenze, die die islamische Zivilisation zuerst von der Christenheit und später von der nachchristlichen Welt etwa dreizehn Jahrhunderte lang getrennt hat. Das ist in vieler Hinsicht eine seltsame Position, die man da einnimmt, denn die Grenze verläuft zwischen zwei Regionen gegenseitigen Unverständnisses, und in beiden zu Hause zu sein, ist in gewissem Sinne, als reise man zwischen zwei Planeten-Systemen hin und her. Das Unvermögen des Abendländers, den Muslim zu verstehen, entspricht der Unfähigkeit des Muslims, den Abendländer zu verstehen. Diejenigen, die mit einem Bein in dieser, mit dem anderen in jener Tradition stehen, sehen sich verpflichtet, als Dolmetscher zwischen zwei verschiedenen Sprachen zu wirken, und müssen selbst beide einigermaßen fließend beherrschen.

 

Der abendländische Muslim ändert nicht seine Identität, obwohl er seine Richtung ändert. Er ist in die charakteristische Farbe der Kultur eingefärbt, in die er hineingeboren ist und die ihn geformt hat; er stellt die Fragen, die diese Kultur stellt; er behält ein Gefühl für das Tragische und für die Vieldeutigkeit der Welt, von der die europäische Tradition durchdrungen, die aber dem traditionsgebundenen Muslim fremd ist; und er wird noch immer von den Gespenstern der Vergangenheit Europas heimgesucht. Väterstimmen, seinesgleichen vertraut, sind nicht zum Schweigen gebracht, doch hat er nun Abstand von ihnen.

 

Semitischer Geist und semitisches Temperament sind ihrer Natur nach legalistisch, und eine gewisse Buchstabentreue ist charakteristisch für den Muslim. Der Europäer seinerseits ist mehr am Geist als am Buchstaben des Gesetzes interessiert und bringt unvermeidlich etwas von dieser Neigung mit in den Islam. Das könnte sogar der nützlichste Beitrag sein, den er seinem adoptierten Glauben in einem Zeitalter von Veränderung und Aufweichung leisten kann, einem Zeitalter, in dem die äußeren Bastionen der Religion durch Zeitabläufe abgeschliffen sind, so daß es wie nie zuvor notwendig ist, die wirklichen Grundfesten des Glaubens zu etablieren und sich fest an sie zu halten.

 

 

Quelle: Entnommen aus dem Vorwort von Annemarie Schimmel „Der Islam und die Bestimmung des Menschen“, Charles Le Gai Eaton