Säkularistische Fundamentalisten auf dem Vormarsch

Die Begegnung zweier Kulturen

 

Bis heute streiten sich Historiker darüber, ob Karl der Große in den Jahren 797 und 807 Gesandtschaften nach Baghdad zu dem namhaften Abbasidenkhalifen Harun al-Raschid, geschickt haben soll. Jedenfalls gehen die ernsthaften Auseinandersetzungen des Abendlandes mit dem Islam als eine eigenständige monotheistische Religion neben dem Christentum, schon vor den Kreuzzügen zurück. Es war kein geringerer als Petrus Venerabilis (ca. 1092-1156) dem Abt des Klosters von Cluny, der entgegen der konventionellen Sichtweise die Überzeugung vertrat, sich friedlich und mit kühner Sachlichkeit den Glaubensvorstellungen der Muslime zu begegnen. Schon früh wurde Venerabilis bewusst, dass eine auf Augenhöhe geführter Dialog nur dann gediegen und Tragfähig sein konnte, wenn man die Grundlagen ihres Glaubens besser verstehen würde. Schließlich waren es zum ersten mal christliche Übersetzer wie Hermannus Dalmata und Robertus Ketenensis auf Weisung ihres Abtes von Cluny als jene gewesen, die den Koran erstmals ins Lateinische (1143) in Toledo veröffentlichten. Dieser Geist der Annäherung ist inzwischen durch die überwiegende muslimische Flüchtlingswelle nach Deutschland, ungünstig in die atmosphärische Zeit vor dem bestreben des Abtes zurück gedrängt worden.

 

 

 

Warum Muslime kein Problem mit dem Grundgesetz haben

 

Tatsächlich scheint in der aktuellen Debatte um den Islam in Deutschland, das einstige Vermächtnis jenes Abtes von Cluny, seine historische Wirksamkeit nur noch in Form von Fußnoten in den Geschichtsbüchern seine Beständigkeit zu schmücken. Da das gegenwärtige Klima um seine Muslime kein Produkt der Neuzeit ist, hat unlängst der Berliner Sozialforscher Achim Bühl in einer umfassende Studie anhand von historischen Feindbild-stereotypen nachgewiesen. Danach durchzieht der Antagonismus beider Kulturen durchaus mehr als 1000 Jahren mit etlichen Höhen und Tiefen die Seiten der tradierten Geschichtsbücher. Für andere Forscher war es wiederum längst überfällig gewesen, den alten und neuen Widersacher des Westens, wieder auf der Weltbühne zu begrüßen. Denn wie sonst sollten die Deutschen -ohne Mithilfe des äußeren feindes- wieder ihre alteingesessene Identität erlangen können? Kurzum: Es ist mittlerweile wieder eine Modeerscheinung geworden, den Islam und seine Muslime im Namen der eigenwilligen Demokratie und Freiheitsverständnis auf jedwede Plattform ihr Dasein zu hinterfragen. Demzufolge ist es nicht mehr zu bestreiten, dass die offenkundige Diffamierung des Islam, insbesondere nach den Wahlerfolgen der AfD, weitaus andere Dimensionen im Lande angenommen hat, als zuvor erwartet wurde. Der prominenteste Neuzugang der AfD, Nikolaus Fest, hat nun seine einmalige Gunst dafür genutzt, um gesondert seine anti-Islamischen Ressentiments mittels der Politik einzusetzen. Der langjährige Springer-Journalist und bekennender Atheist meldete sich bereits zuvor in Bild am Sonntag (27.07.14) mit der Verlautbarung, dass der Islam schuld an überproportionaler Kriminalität, Zwangsheirat, Ehrenmord und für die Verachtung der Frauen stehen würde. Kein Wunder, wenn er jetzt noch einmal den Ton verschärft mit der Feststellung, wonach der Islam ausschließlich für eine totalitäre Bewegung sei, die nicht mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Die Konsequenz wäre nach seiner Logik, alle Moscheen bedingungslos schließen zu müssen, um so den Einflussbereich der Gläubigen Muslime in die Schranken zu verweisen. Dabei blendet Nikolaus Fest im Grunde die Tatsache ganz geschickt aus, dass wenn man so will, alle monotheistischen Religionen letztendlich mit dem Grundgesetz in etlichen Belegstellen kollidieren. Es ist sicherlich unschwer nachzuweisen, dass das Judentum und das Christentum bei böswilliger und entsprechend buchstabengetreuer Auslegung ebenfalls verfassungswidrig sind. Schließlich sucht man vergeblich über die Vorschrift zum steinigen der Ehebrechern im Koran, sondern man findet sie ausschließlich in der Bibel stehen. Darüber hinaus verpflichtet die im Westen angst-einflößende Scharia die Muslime eindringlich dazu an: O ihr, die ihr glaubt, haltet die Verträge (Sure 5, Vers 177). Demzufolge stellen eingegangene Verpflichtungen einen wesentlichen Kernbestand der Frömmigkeit dar. Des Weiteren ist das Grundgesetz wie der ehemalige deutsche Botschafter Murad W. Hofmann folgerichtig bemerkt, kein religiöser, jenseits orientierter Text. Konkret würde das bedeuten, dass beide Texte nicht in Konkurrenz zu einander stehen, sondern für sich selbst.

 

 

 

Der tabuisierte säkularistische Fundamentalismus

 

Dabei wird oftmals verkannt, wie markant die Trennlinien zwischen den metaphysischen und den säkularistischen Weltanschauungen verläuft. Der Säkularismus ist eine weltgeschichtlich junge Erscheinung, die beim genaueren hinsehen eine in der Welt begrenzte Erscheinung darstellt. Zweifelsfrei hat sie wie in Mexiko (1855) und in Frankreich (09.12.1905) durch die radikale Trennung von Kirche und Staat, überwiegend als Religionsersatz für die Entsakralisierung der Gesellschaft gedient. Hier ging es lediglich darum, die Religion aus dem öffentlichen Raum nach dem Trauma im Mittelalter mit der Kirche- ein für allemal zu verbannen. Auch gegenwärtig sind säkularistische Fundamentalisten aktiv am Werk wenn es darum geht, die Religion als solche von staatlichen Institutionen, insbesondere von der Schule- durch den Ersatz des Ethikunterrichts fernzuhalten. Offensichtlich wird weiterhin unzureichend zur Kenntnis genommen, dass der Säkularismus mehr oder weniger auch eine Weltanschauung ist, die zudem eigenwillige Wertmaßstäbe setzen kann. Andererseits gibt es auch geglückte Beispiele wie hier in Deutschland, wobei vordergründig an die Erwähnung Gottes im Grundgesetz zu denken ist, oder die Einziehung von Kirchensteuer um ganz zu schweigen vom staatlichen Schutz der kirchlichen Feiertage sprechen zu müssen. In anderen Ländern wie etwa in Großbritannien und Italien, gibt es trotz der Trennung von Staat und Religion wie auch in Deutschland, eine distanziert- harmonische Zusammenarbeit auf geradezu allen sozialen Ebenen. Insofern besteht bei den mehrheitlichen Muslimen dieses Landes nicht der geringste Zweifel darin, indem sie genau soviel wie die Mehrheitsgesellschaft dieses Landes darauf aus sind, wenn Religion und Staat harmonisch und integral aufeinander bezogen sind. Infolgedessen haben nicht Muslime sich über das Grundgesetz zu beklagen, sondern das Parteiprogramm der AfD scheint offensichtlich ein erhebliches Problem mit der freiheitlichen Grundordnung in diesem Land zu haben.


Zur Person: Ecevit Polat ist Professor für Islamische Theologie und Vorstandsvorsitzender des Vereins "Initiative für Islamische Quellenforschung e.V.". Schwerpunkt seiner Forschung ist die zeitgenössisch kritische Auseinandersetzung mit religiösen Themen. Im August erschien sein Buch: "Der Islam im Umbruch zwischen Tradition und Moderne".