Islamfeindlichkeit / Islamophobie

„In einer großen Zeitung erscheint ein langer Artikel über die Stellung der Juden in Deutschland heute. Darin heißt es: ‚Während ein nicht unbedeutender Teil der Juden sich in die deutsche Gesellschaft integriert, ist das bei vielen anderen nicht festzustellen. Viele Juden meinen, sie kämen auch ohne Deutschkenntnisse aus. Schulische Aktivitäten, wenn sie denn einmal auf einen Samstag fallen, werden boykottiert. Frauen sind im Judentum auch heute noch Bürger zweiter Klasse.‘ Besonders besorgt drückt sich der Autor darüber aus, dass einige ultra-zionistische, nicht offen operierende Organisationen Mitglieder in Deutschland anwerben und für ihre Zwecke, ein theokratisches Groß-Israel, Geld sammeln. Gerade auch die russisch-jüdischen Einwanderer hätten sich in großstädtischen Ghettos isoliert, abgeschottet von der deutschen Umwelt und ohne Interesse an unserer Kultur und Lebensweise. Ein Artikel dieser Sorte, erschiene er denn in einer deutschen Zeitung, würde eine Welle der Entrüstung hervorrufen. Der Chefredakteur müsste sich umgehend für den ‚bedauerlichen Ausrutscher‘ entschuldigen, dem verantwortlichen Redakteur würde vermutlich fristlos gekündigt.

 

Wenn wir in diesem Bericht jedoch das Wort ‚Juden‘ durch die Wörter ‚Muslime‘ oder ‚Türken‘ ersetzen und den Inhalt etwas umschreiben, dann liegt die Sache ganz anders. Solche Berichte lesen wir fast täglich, sie sind, trotz ihrer Halbinformiertheit, das Selbstverständlichste der Welt.“

 

Mit diesen Worten beginnt Michal Bodemann, der als Professor für Soziologie an der Universität Toronto unter anderem zum Thema Juden in Deutschland forscht, einen Beitrag für die Süddeutsche Zeitung am 20./21. November 2004.

 

Der Artikel sorgte für Aufsehen. Allerdings weniger wegen der islamfeindlichen Agitationen, auf die er hinweisen will, als mehr wegen des Vergleichs von Muslimen und Juden in diesem Kontext. Eine solche Gegenüberstellung trage dazu bei, monierten Kritiker, das Leid der jüdischen Bevölkerung in Deutschland zu relativieren.

 

Ähnliche Aufregung bewirkte Ende 2008 die Tagung „Feindbild Muslim – Feindbild Jude“ des Zentrums für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. Die Einrichtung unter ihrem Leiter, Prof. Dr. Wolfgang Benz, wollte mit dieser Tagung die Parallelen zwischen Antisemitismus beziehungsweise Antijudaismus und Islamfeindlichkeit thematisieren.

 

Die Wissenschaftler haben nach eigenen Angaben in der Auseinandersetzung mit der Religion des Islam Stereotype und Konstrukte beobachtet, die seit langem als Instrumentarium bekannt sind, um gegen Juden Stimmung zu machen. Dazu gehörten Verschwörungsfantasien ebenso wie die Behauptung vermeintlicher Grundsätze und Gebote der Religion, schreibt Benz im Vorwort zum 17. Jahrbuch für Antisemitismusforschung.

 

Seit Jahrhunderten werde in kulturellen oder religiösen Traditionen von Juden nach Argumenten gegen selbige gesucht, das gleiche geschehe nun im Hinblick auf den Islam, führte er in einem Interview mit dem Deutschlandradio Kultur am 5. Dezember 2008 aus. So wie man Juden Aussagen aus dem Talmud vorhalte, halte man Muslimen Aussagen aus dem Koran vor. Vergleichbar sei außerdem, dass beide Religionen beschuldigt würden, bösartig und inhuman zu sein und unmoralische Verhaltensweisen gegenüber Andersgläubigen zu verlangen. Juden habe man stets vorgeworfen, dass sie sich als auserwähltes Volk betrachteten, deren Religion es ihnen gebiete, gegen Nichtjuden feindselig zu sein und ihnen erlaube, sie zu betrügen. Solche Vorwürfe fänden sich ebenso in den Islam-Debatten wieder, heißt es beim Zentrum für Antisemitismusforschung.

 

Wer sich heute in Deutschland auf die Spuren der „Islamkritik“ im Internet, in den Medien oder in ausgewählten Büchern begibt, der mag sich in der Tat wundern, welche Äußerungen gegenüber einer Gruppe von Menschen trotz der Erfahrungen der vergangenen Jahrhunderte immer noch möglich sind und aus der Mitte der Gesellschaft Zustimmung erfahren. So erschreckend dies aber sein mag, die derzeitige Situation mit der Barbarei in der deutschen Geschichte des Antisemitismus zu vergleichen oder gar gleichzusetzen, wäre nicht nur historisch falsch, sondern unzweifelhaft eine Bagatellisierung der unmenschlichen Verbrechen der Vergangenheit.

 

Nach eigener Darstellung ging es dem Zentrum für Antisemitismusforschung nicht um eine derartige Generalisierung oder gar Gleichsetzung. Wolfgang Benz erklärt: „Als Vorurteilsforscher muss ich doch die Chance nutzen, wenn ich mich […] seit Jahr und Tag mit dem ältesten und folgenreichsten, historischen, politischen, kulturellen Vorurteil, nämlich dem gegen die Juden beschäftige, […] zu lernen, ob nicht mit demselben Mechanismus auch gegenüber anderen Minderheiten, gegenüber anderen Gruppen Unheil gestiftet werden kann.“ (dradio.de, 5.12.08).

 

Islamfeindlichkeit in Deutschland ist kein Konstrukt, sie lässt sich tagtäglich belegen. Die übelste Hetze gegen diese Religion und ihre Anhänger hat ihren Platz im Internet eingenommen. Im Zeitalter von Web 2.0, das jedem Menschen mit Zugang zum Internet die Möglichkeit bietet, seine Meinung online zu veröffentlichen, Bilder und Videos hochzuladen oder sich mit Gleichgesinnten zu unterhalten, stößt man auf derbe Schmähungen, die sich an der Grenze zur Volksverhetzung und bisweilen auch jenseits davon bewegen. In Weblogs liest man: „Islam ist eine freiwillige Geisteskrankheit“. „Ich will nicht, daß wenn ich Blut spende mein Blut irgendwann einem Musel das Leben rettet und genauso wenig will ich dass in meinen Adern Muselblut fliesst.“ „Wie verbläst man eigentlich einen […] Türken waidgerecht? Da gibt es nichts zu verblasen, Jagdhornbläser verblasen jagdbares, erlegtes Wild, kein Ungeziefer!“

 

Solche tagtäglich getroffenen Äußerungen stammen nicht aus versteckten rechtsextremistischen Foren, sondern aus einem der mittlerweile erfolgreichsten Weblogs Deutschlands, über das Henryk Broder einmal geschrieben hat, man könne darüber sehr geteilter Meinung sein: Politically Incorrect. Zu den Postings in solchen Internetplattformen treten Polemiken, einseitige Debattenbücher, persönliche Erfahrungsberichte und sonstige Stellungnahmen von prominenten oder durch ihre „Islamkritik“ prominent gewordenen Protagonisten wie eben Henryk Broder, Ralph Giordano, Necla Kelek, Hans-Peter Raddatz, Alice Schwarzer, Leon de Winter oder Ayaan Hirsi Ali, Oriana Fallaci, Theo van Gogh, Ibn Warraq, Geert Wilders, Bat Ye’or und andere, die Muslime bisweilen als „Ziegenficker“ zu beschimpfen pflegten (Theo van Gogh; de Volkskrant, 3.11.04) oder den Koran, „ähnlich wie ‚Mein Kampf‘“, als „ein faschistisches Buch“ verbieten lassen wollen (Geert Wilders; Wiener Zeitung, 21.2.08). Weiteren Nährboden findet das negative Islambild in einzelnen Medienberichten.

 

Nachdrücklich in Erinnerung geblieben sind die Titelgeschichten des Nachrichtenmagazins Der Spiegel „Papst contra Mohammed“ (38/2006), „Mekka Deutschland. Die stille Islamisierung“ (13/2007) und „Der Koran. Das mächtigste Buch der Welt“ (52/2007), deren Aufmachung erstaunlich identisch jeweils vor einem bedrohlich schwarzen Hintergrund gestaltet worden war. Nicht weniger voreingenommen fragte im gleichen Zeitraum die Illustrierte Stern: „Wie gefährlich ist der Islam?“ (38/2007).

 

Bereits 2004 hatte das Nachrichtenmagazin Focus den Muslimen ihren Platz in der deutschen Gesellschaft zugewiesen. Dem Titel von Ausgabe 48 zufolge sind sie nämlich nach wie vor – selbst wenn sie hier geboren wurden: „Unheimliche Gäste . Die Gegenwelt der Muslime in Deutschland. Ist die Integration gescheitert?“ [Hervorhebung von mir] Solche in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommenen Angriffe auf die Religion des Islam und ihre Anhänger animieren wiederum gesellschaftliche Institutionen und Organisationen wie die christlichen Kirchen, ihr Profil zu schärfen, oder die politischen Parteien, Wählerstimmen auf sich zu vereinen.

 

Papst Benedikt XVI., der auch andere Glaubensgemeinschaften schon mehrfach mit Aussagen und Entscheidungen brüskierte, empfing schon kurz nach Beginn seines Pontifikats die italienische Journalistin Oriana Fallaci, eine bekennende Atheistin, die gerade mit dem Buch Die Wut und der Stolz reüssiert hatte. Das Buch basiert auf Aussagen im Stil des folgenden Zitats: „Unsere ‚ausländischen Arbeiter‘ […] vermehren sich wie die Ratten. Mindestens die Hälfte aller moslemischen Frauen, die man auf der Straße sieht, sind von Kinderhorden umgeben und schwanger.“ (2002: 139)

 

Eben dieses Buch wird in der Zeitschrift Die politische Meinung (1/2003) wohlwollend rezensiert vom Mitglied des Bundesvorstands der CDU und früheren Fraktionsvorsitzenden im Berliner Abgeordnetenhaus, Friedbert Pflüger. Am Ende kommt er – nach kleinen Abstrichen an Aussagen wie der soeben zitierten – zu dem Ergebnis: „Oriana Fallacis Buch spricht unbequeme Wahrheiten aus. Das Buch ist ein ‚Weckruf für Europa‘“. Die Erstauflage war nicht nur in Italien ein Verkaufsschlager. Auch in Deutschland schaffte es das Werk auf Platz 1 der von Media Control im Auftrag des Focus ermittelten Sachbuch - Bestsellerliste – noch vor dem Dalai Lama und dem Duden. Die ungezügelte Gehässigkeit Fallacis gipfelte in der Interviewaussage: „[Ü]berall wollen sie so verdammte Moscheen hinbauen. Wenn ich das noch erlebe, dann geh ich zu meinen Freunden […]. Mit deren Hilfe schnappe ich mir Sprengstoff. Ich lass euch in die Luft fliegen. Ich spreng die Dinger! […] Ich will diese Moschee nicht sehen, die wäre ganz in der Nähe von meinem Haus in der Toskana.“ (Die Weltwoche, 27.7.06)

 

Islamfeindlichkeit ist breit aufgestellt und reicht in alle Gesellschaftsschichten. Auf der Straße findet sie besonders in Protesten gegen Moscheebauten ihren Ausdruck. „Je weniger Muslime in Europa als Teil der jeweiligen Mehrheitsgesellschaft empfunden werden, desto stärker bildet sich Widerstand gegen ihre Moscheen“, beobachtet der Architekt und Soziologe, Prof. Dr. Salomon Korn: „Ähnlich wie das Sein das Bewusstsein bestimmt, bestimmt auch das Bewusstsein unsere Wahrnehmung. Goethe zufolge sieht man, was man weiß. Was aber, wenn dieses Wissen lückenhaft ist oder an dessen Stelle Vorurteile, gar Ängste treten?“ (FAZ, 27.10.08).

 

In Köln trafen sich zeitweise regelmäßig mehrere Dutzend Demonstranten mit „Wir-sind-das-Volk“-Rufen unter wehenden Deutschlandfahnen vor der Zentrale der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB), deren bisheriges Gebäude – eine ehemalige Fabrikhalle – einer Moschee mit Minaretten weichen soll. Das Motto am 13. Dezember 2008 lautete „Gegen Türkisierung und Islamisierung. Köln darf nicht Istanbul werden“ – angesichts solcher Vorgaben hilft es auch nicht, demonstrativ eine Israelfahne zu zeigen, um Rassismus Verdacht vorzubeugen.

 

Diese Abneigung gegenüber dem Islam ist keine Neuerscheinung, die mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 oder mit dem Mord an Theo van Gogh am 2. November 2004 neu entstanden ist. Islamfeindlichkeit ist ein historischer Makel, der sich seit Jahrhunderten tief in die europäische Seele eingebrannt und bis in unsere Tage sein hässliches Gesicht nie wirklich verloren hat. Die beiden Stichtage im Herbst 2001 und 2004 haben letztlich nur eine Stimmung revitalisiert, die in der Geschichte zahlreiche Marksteine hat. Die bekanntesten sind die Kreuzzüge und die Türkenkriege. Sie haben allerlei Hasstiraden auf Muslime hervorgerufen. Die so entstandenen Vorurteile wurden im Laufe der Zeit durch die Theologie und die Literatur bis in die Gegenwart fortgetragen.

 

Bernard von Clairvaux predigte den Krieg gegen die Muslime, der heilige Franz von Assisi ihre Mission. Petrus Venerabilis, der Abt von Cluny, sah im Islam gar ein tödliches Virus, das bereits den halben Erdkreis infiziert habe, wie er im Prolog zu Contra sectam Saracenorum, seinem Traktat gegen die Sekte der Sarrazenen, zu Papier bringt. Papst Innozenz III. mutmaßte in einem Kreuzzugsaufruf von 1213, dass die Herrschaft des Propheten Muhammad bald untergehen werde. Muhammad sei das in den Johannes-Offenbarungen erwähnte „Tier der Apokalypse“, das bekanntlich die Zahl 666 kennzeichne. In Jahren gerechnet werde der Islam dementsprechend lang existieren, behauptete der Papst und schlussfolgerte, diese Zeit müsste also noch vor Ende des 13. Jahrhunderts ablaufen.

 

Auch Martin Luther sah 300 Jahre später in Muhammad den Antichristen. Der Reformator ließ sich vor dem Hintergrund der Eroberungen osmanischer Heerscharen in Ungarn besonders reichhaltig über den Islam und seinen Stifter aus. In seiner Vermahnung zum Gebet wider den Tuerken 1541 heißt es etwa:

 

„…wir wollen […] gedencken zu wehren dem Tuerken, das er seinen Teuffelsdreck und lesterlichen Mahmet nicht an unsers lieben HErrn Jesu Christi stat setze.“  Ein Jahr später berichtet Luther in einem Brief an den Rat zu Basel hinsichtlich des Koran, „wie gar ein verflucht, schendlich, verzweivelt buch es sey, voller lugen, fabeln und aller grewel.“ 1543 findet sein Zorn im Traktat Von den letzten Worten Davids weiteren Niederschlag, indem er über Muhammad festhält: „[I]m Hurnbette […] hat er am meisten studirt, wie er sich rhuemet, der schendliche unflat.“ Das erste vollständige Druckwerk Gutenbergs war dann auch bezeichnender Weise keine Bibel, sondern ein so genannter Türkenkalender, der zum Kampf gegen die Osmanen/Muslime aufrief.

 

Begleitet wird die religiös-politische Auseinandersetzung mit dem Islam in Europa durch die Literaturgeschichte. Dante Alighieri sah in Muhammad den ewigen Höllenbewohner, der unsäglichen Qualen ausgesetzt ist. Ein weiterer ‚Meilenstein‘ der antimuslimischen Literaturgeschichte in Europa ist Ende des 17. Jahrhunderts Humphrey Prideaux’ Die wahre Natur des Betrugs. Vollständig veranschaulicht am Leben Muhammads. Das damals weit verbreitete Werk war eine der Hauptquellen für den französischen Aufklärer Voltaire, der die Überzeugung vertrat, dass der gesunde Menschenverstand bei jeder Seite erbebe, die man im Koran, jenem unverdaulichen Buch, umschlage, und dass Muhammad nichts weiter sei als ein Tartuffe mit dem Säbel in der Hand. Das schrieb er jedenfalls 1740 an den „Alten Fritz“, Preußenkönig Friedrich II., dessen persönliche Bekanntschaft Voltaire nur drei Monate zuvor auf Schloss Moyland am Niederrhein gemacht hatte.

 

Die genannten Personen sind nur einige derjenigen, die für bitterböse Vorbehalte in bestimmten historischen Zeiträumen gegenüber Muslimen stehen. Die Idee für den vorliegenden Sammelband entstand unter dem Eindruck, dass der Umgang mit Muslimen in einigen Teilen der deutschen Bevölkerung derzeit wieder stark rassistische und menschenfeindliche Züge angenommen hat. Die aktuellen Debatten um den Islam und die Muslime in Deutschland, um deren Integrationsfähigkeit in die bundesdeutsche Gesellschaft und das politische System werden an vielen Stellen von Ideologien und Vorurteilen getragen.

 

 

Quelle: Islamfeindlichkeit - Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen

Thorsten Gerald Schneiders
Duisburg, 2010