Universelle Werte

Dem Zeitalter der Globalisierung, so befürchten Kritiker, droht die Gefahr eines Werteimperialismus - in dem Sinne, dass die westlichen, oft sogar nur amerikanischen Werte allen anderen Kulturen der Welt aufgezwungen werden. Träfe diese Befürchtung ein, wäre die Lage fatal. Denn ein Werteimperialismus verletzt die Selbstachtung der anderen Kulturen, gibt also einer Gewaltbereitschaft im Namen kultureller Selbstverteidigung ein bestimmtes Recht. Ein Werteimperialismus widerspricht aber schon einem Grundwert des Westens, der überdies das Potenzial zur universalen Geltung in sich birgt - der Gerechtigkeit. Der Kern dieses Wertes, die Gleichbehandlung, schließt nämlich die Gleichberechtigung der verschiedenen Kulturen ein - vorausgesetzt, dass sie zu einer friedlichen Kooperation bereit sind.

 

Die Gegenpolitik zu einem Werteimperialismus, die Verteidigung universaler Werte, lässt sich auf interkulturelle Wertdiskurse ein. Diese beginnen mit einer Begriffsklärung und schlagen dann zwei Strategien ein, die einander verstärken. Der Ausdruck "Wert" stammt zwar aus der Wirtschaft - diese spricht etwa von Tausch-, Gebrauchs- und Verkaufswert, vom Gegenwert oder vom Kurswert einer Währung. Mittlerweile bezieht sich das Wort "Wert" aber nicht nur auf messbare Güter und Dienstleistungen. Es meint auch Personen, Sachen und Zustände, sofern sie in emotionaler sozialer oder in geistiger Hinsicht als gut gelten. Vor allem die Grundwerte bedeuten Leitvorstellungen oder Standards, die Leben lebens- und lobenswert machen: das, wofür man von den Mitmenschen geschätzt und geachtet, bei abweichendem Verhalten aber getadelt wird - und wovon man selber glaubt, dass sich dafür zu leben lohnt.

 

Zum Ausweis von interkulturell anerkannten, daher globalisierungsfähigen Werten kann man nun einerseits empirisch, andererseits normativ vorgehen. Beim empirischen Vorgehen lieben sogenannte Aufklärer das Motto: "Andere Länder, andere Sitten." In der Tat lassen sich zumal auf der Oberfläche mannigfache Unterschiede, sogar Widersprüche entdecken. Sucht man aber die veritablen Grundlagen, die Prinzipien, auf und verlässt sich dabei nicht auf die subjektive Interpretation, sondern auf objektive Texte, so stößt man auf ein erstaunliches Maß an Übereinstimmung. In den philosophischen und vor philosophischen Ethikzeugnissen, etwa in ägyptischen und babylonischen Weisheitsbüchern, im indischen Nationalepos "Mahabharata", in konfuzianischen und buddhistischen Schriften, in der Bibel und im Koran findet sich eine Hochschätzung des Grundsatzes der Wechselseitigkeit, der "Goldenen Regel".

 

 

"Der Westen kann sein Modell niemandem aufzwingen. Das Beste, was er für sein Projekt tun kann, ist, dass er sich selbst daran hält."

 

 Ein weiterer Wert, ja ein ganzer Komplex von Werten findet sich in den unterschiedlichsten Kulturen und Epochen: Mitleid, Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe. Ein altbabylonischer Text greift sogar der Bergpredigt vor: "Dem der dir Böses antut, vergilt mit Gutem! / Dem, der dir übel will, halte die Gerechtigkeit entgegen! Deinem Feind begegne dein Sinn strahlend (freundlich)." Und in der zweiten Sure des Koran heißt es: "Nicht besteht die Frömmigkeit darin, dass ihr eure Angesichter gen Westen oder Osten kehret; vielmehr ist fromm, ... wer sein Geld aus Liebe zu Ihm (Allah) ausgibt für seine Angehörigen und die Waisen und die Armen und den Sohn des Weges und die Bettler und die Gefangenen." Bei zwei weiteren Werten ist die interkulturelle Anerkennung so offensichtlich, dass man sie lediglich zu nennen braucht: Recht und Friede. Die zweite, die normative Strategie interkultureller Wertdiskurse beruft sich auf interkulturell überzeugungsfähige Argumente. Als Leitfaden drängen sich die drei Rollen auf, die der heutige Bürger im Zeitalter der Globalisierung einnimmt: Er ist Wirtschaftsbürger, Staatsbürger und Weltbürger in einem.

 

Moralisten teilen gern eine Ansicht aus Georg Büchners Theaterstück "Leonce und Lena": "Es gibt nur drei Arten, sein Geld auf menschliche Weise zu verdienen: es finden, in der Lotterie gewinnen, erben." Als Alternative sieht Valerio lediglich: "...oder in Gottes Namen stehlen, wenn man die Geschicklichkeit hat, keine Gewissensbisse zu bekommen." Zu Recht reserviert Büchner diese Ansicht für ein Lustspiel, das zudem ein Schlaraffenland zeigt. Denn die natürliche und zugleich wahrhaft menschliche Alternative, die Arbeit, fehlt. Selbst dort, wo sie nicht mehr im "Schweiße des Angesichts" verrichtet wird, muss man sie in der Regel einer "angeborenen Trägheit" abbringen. Dies angesichts knapper Ressourcen verrichtet, einschließlich der knappen Ressource Zeit, und in Konkurrenz zu anderen.

 

Die entsprechende Wirtschafts-, Berufs- und Arbeitswelt macht eine ökonomische Dimension von Werten nötig. Sie beginnt mit der ökonomischen Rationalität. Immerhin hat der effiziente Umgang mit Arbeitskraft und Ressourcen große Teile der Menschheit von der Geißel des Hungers und Elends sowie dem Zwang auszuwandern befreit. Darüber hinaus erlaubt dieser effiziente Umgang, natürliche Ressourcen zu schonen, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass man sich ökologischen Imperativen unterwirft. Deren Anerkennung ist aufgrund eines weiteren universalen Werts geboten: der Gerechtigkeit gegen die künftigen Generationen. Und die synchrone Seite der globalen Gerechtigkeit verlangt, den Wohlstand auch der Dritten und der Vierten Welt zu öffnen. Nach einer verbreiteten Ansicht wird die moderne Gesellschaft allein durch Leistung und technischen Fortschritt zusammengehalten. Wirklichkeitsnäher lässt ein Roman über die globalisierte Wirtschaftswelt - "Wenn wir sterben", der von dem Unternehmer und studierten Philosophen E. W. Händler verfasst wurde - die "wünschenswerten Eigenschaften" nicht etwa mit einer Ellbogenmentalität beginnen. Am Anfang stehen vielmehr "Lernbereitschaft, Konflikt- und Konsensfähigkeit, innovatives Denken, kooperative Führungsfähigkeit". Und diese bunte Mischung setzt sich fort mit "Demut, Risikobereitschaft, Integrität, Sensibilität, Geduld und Neugier, außerdem noch interkultureller Kompetenz".

 

Eine Voraussetzung menschlichen Zusammenlebens besteht in einer politischen Ordnung, die die Willkür aller Menschen einschränkt und ihnen einen Freiraum persönlichen Handelns garantiert. An die Stelle willkürlicher Konfliktlösung tritt ein Rechts- und Verfassungsstaat, der auch "liberale Demokratie" heißt und zu seinen höchsten Werten die Menschen- und Grundrechte zählt. Auf Seiten des Staatsbürgers beginnen die Grundwerte mit der personalen Gerechtigkeit. Sie besitzt, wer trotz größerer Macht und Intelligenz andere nicht zu übervorteilen sucht: wer etwa als Richter, als Unternehmer, als Elternteil oder Mitbürger sich auch dann auf die politische Gerechtigkeit verpflichtet, wenn das Recht Lücken und Ermessensspielräume lässt oder die Durchsetzung höchst unwahrscheinlich macht.

 

Ein weiterer Wert liegt bei der Toleranz, deren Minimum in Gelten- und gewähren lassen, deren Steigerung aber in der freien Achtung andersartiger Anschauungen und Handlungsweisen besteht. Die Toleranz ist schon deshalb geboten, weil kein Mensch schlechthin irrtums- und vorurteilsfrei ist. Das wichtigere Argument liegt jedoch in der Anerkennung der anderen als gleichberechtigter Personen. In Folge dieser Anerkennung haben sie das Recht, nach ihren eigenen Vorstellungen zu leben, sofern sie dabei dasselbe Recht der anderen nicht beeinträchtigen. Für eine konkrete Gesellschaft reichen aber Recht und Gerechtigkeit nicht aus. Es braucht auch Gemeinsamkeiten, die mit der Sprache oder einer wohldefinierten Mehrsprachigkeit der Rechtstexte und öffentlichen Debatten beginnen. Mit der Wirtschaft verdient eine Gesellschaft ihren Lebensunterhalt, mit Recht, Menschenrechten und Demokratie genügt sie dem Leitwert der Gerechtigkeit. Ihren Zusammenhalt findet sie aber über die Sprache, ferner über Wissenschaft und Philosophie, nicht zuletzt über Literatur, Musik, Kunst und Architektur.

 

Seit dem Anschlag auf das Welthandelszentrum in New York weiß die Menschheit, was dem aufmerksamen Bürger schon lange bekannt war: Die Globalisierung ist weit mehr als ein wirtschaftlicher Vorgang, sie findet in mindestens drei Dimensionen statt. Die erste Dimension besteht in einer "globalen Gewaltgemeinschaft". Denn weder die Umweltschäden noch die organisierte Kriminalität und auch nicht der Terrorismus respektieren staatliche Grenzen. Selbst die zweite Dimension, die der Kooperation, beschränkt sich nicht auf die Wirtschafts- und Finanzmärkte (einschließlich der Dienstleistungs- und Tourismusmärkte). Schon lange vorher "globalisieren" sich Philosophie und Wissenschaft samt Medizin und Technik, ferner das Hochschulwesen, außerdem Musik, Theater und Literatur, ohnehin die Religionen, die wegen ihrer globalen Ausbreitung "Weltreligionen" heißen. Und über die großen Flüchtlings- und Wanderbewegungen schlagen heute, so die dritte Dimension, Hunger, Armut und Bürgerkriege sowie eine facettenreiche Unterdrückung auf alle Regionen der Welt durch. Und Naturkatastrophen wie die große Flut, der Tsunami, wecken zu Recht Mitgefühl und Hilfsbereitschaft in aller Welt. In allen drei Dimensionen entsteht ein globaler Handlungsbedarf, der die Sorge für das eigene Gemeinwesen um kosmopolitische oder Weltbürger zu ergänzen verlangt.

 

"Weltbürger" darf sich nennen, wer von den vielen Grenzen, die die Menschen trennen, vor allem die staatlichen, möglichst aber auch die ethnischen, sprachlichen und religiösen Barrieren relativiert. Keineswegs sucht er die einzelstaatlichen Demokratien zu überspringen, denn in ihnen ist die aktive Mitwirkung der Bürger noch am ehesten und vielfältigsten möglich. Im Gegensatz zu einem nationalistischen Staatsbürger hält er sich aber für übernationale Einheiten offen - für politische Gemeinschaften wie die Europäische Union und für eine globale Weltordnung. Diese Haltung der Offenheit ist keineswegs utopisch. Denn täglich erleben wir eine wirtschaftliche und politische, überdies kulturelle und wissenschaftliche Verflechtung. Und über das elektronische Welt netz ist uns ein Gutteil von Weltbürgertum längst selbstverständlich geworden.

 

Der entsprechende Weltbürger ist kein exklusiver Weltbürger, der mit einem Gefühl moralischer Überlegenheit behauptet, er sei nicht Deutscher, Russe oder Amerikaner, sondern lediglich Kosmopolit. Als ein komplementärer Weltbürger lehnt er das Staatsbürger sein nicht ab. Er hält sogar das eigene Gemeinwesen, auch seine Großregion, etwa Europa, für wichtig, aber nicht für "alles in der Welt". Daher pflegt er einen Weltgerechtigkeitssinn. Dieser hilft eine Weltfriedens- und Weltrechtsordnung auf den Weg zu bringen, in der alle Menschen und alle Staaten sich wechselseitig als gleichberechtigt anerkennen.

 

Wie sich der globale Zivilisationsrahmen des Näheren entwickeln wird, kann niemand vorhersagen. Eines kann man aber schon heute behaupten: Wenn die Menschheit klug, überdies gerecht ist, verpflichtet sie den Zivilisationsrahmen nicht auf geltungstheoretisch westliche, sondern universale Werte. Diese Verpflichtung ist keineswegs utopisch. Denn sowohl empirisch als normativ betrachtet ist das Erbe an Weltmoral, das dafür in Frage kommt, ungewöhnlich reich.

 

 

Freiburg, 19.08.2016