Es ist eine Schande

Liebe Freunde, es ist eine Schande. Täglich wird unserer Bevölkerung eingehämmert, der Terrorismus habe sehr wohl mit dem Islam zu tun. Doch es sind Menschen, die morden, nicht Religionen. Zu allen Zeiten wurden Religionen zur Legitimation grauenvoller Verbrechen missbraucht. Auch das Christentum. Das macht diese Verbrechen aber noch lange nicht religiös!

 

WÄHREND DER KREUZZÜGE des Mittelalters begingen Europäer 'im Namen' des Christentums unbeschreibliche Massaker. Millionen Muslime und Juden wurden ermordet und verstümmelt. Mit offizieller Zustimmung der Kirche und dem Ruf: "Deus lo vult, Gott will es!" Die mörderischen Kreuzzüge wurden dadurch trotzdem nicht christlich. Egal wer sie erlaubte oder befahl. Gott sagt: "Liebe deinen Nächsten" und nicht "Töte deinen Nächsten!"

 

AUCH GEORGE W. BUSH führte seinen kriminellen Irakkrieg im Namen der Bibel. In Telefonaten brachte er den französischen Präsidenten Chirac mit seinen Prophezeiungen aus der Bibel völlig durcheinander. Der evangelische Fundamentalist Bush sah sich als Werkzeug Gottes, um den Mittleren Osten und Israel vor den biblischen Schreckensgestalten 'Gog und Magog' zu retten. Chirac war verzweifelt. Weil er die zwei apokalyptischen Ungeheuer gar nicht kannte.

 

US-MARINES kämpften im Irak und in Afghanistan mit Waffen, in die Stellen aus dem 'Neuen Testament' eingestanzt waren. Sie töteten mit sogenannten 'Jesusgewehren'. Wurden die US-Massaker im Irak dadurch zu christlichen Massakern? Natürlich nicht! Das Christentum, die Religion der Nächstenliebe, ist am Irakkrieg nicht schuld. Auch nicht am Massaker von Srebrenica, bei dem weit über 8.000 muslimische Zivilisten ermordet wurden und das von 'Würdenträgern' der serbisch-orthodoxen Kirche mitverschuldet wurde.

 

FÜR DEN ISLAM MUSS ALLERDINGS DAS GLEICHE GELTEN. Der 'IS', der von 99% der Muslime der Welt abgelehnt wird, behauptet zwar, seine Bestialitäten 'im Namen' des Islam zu begehen. Aber der Islam, die Religion der Barmherzigkeit, ist dafür genauso wenig verantwortlich, wie das Christentum für die Verbrechen des 'Christen' Bush. Allah sagt nicht: "Töte Unschuldige!" Sondern: "Wenn einer einen Menschen tötet, so ist es, als habe er die ganze Menschheit getötet. Und wenn einer einen Menschen rettet, so ist es, als habe er die ganze Menschheit gerettet".

 

Es ist nicht Schuld der Religionen Islam oder Christentum, wenn morgen wieder irgendein Wahnsinniger losstürmt und unschuldige Passanten mit dem Ruf umbringt: "Gott will es" oder "Allahu-akbar". Das ist teuflisches Menschenwerk, nicht Gotteswerk.

 

Denjenigen, die an dieser Stelle argumentieren, im Koran gebe es aber auch kriegerische Passagen, empfehle ich, wenigstens einmal das Alte Testament zu lesen, das nach wie vor untrennbarer Teil der christlichen Lehre ist. Dort gibt es erheblich mehr kriegerische Darstellungen als im Koran. Doch sie beschreiben, wie die vergleichbaren Stellen des Koran, lediglich konkrete historische Situationen. Wer sie aus ihrem geschichtlichen Zusammenhang herausreißt, hat von der Bibel oder vom Koran nichts verstanden.

 

Die Fundamentalgegner aller Religionen aber bitte ich, sich einmal anzusehen, was unter atheistischen Ideologien geschah: Der Sowjetkommunismus mordete mindestens 20 Millionen, der Nationalsozialismus direkt mindestens 30 Millionen und der chinesische Kommunismus mindestens 40 Millionen Menschen.

 

Jesus und Mohammed wären entsetzt, wenn sie sähen, wie schamlos ihr Glaube, ihr Aufruf zu Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Nächstenliebe von machtgierigen, kriminellen und oft strohdummen Menschen für ihre Machtgelüste missbraucht wurde und wird. Und fassungslos, wie intelligente Wissenschaftler und Journalisten auf diesen billigen Trick der Kriegstreiber und Terroristen hereinfallen. Wir sollten fair sein und an alle Religionen den gleichen Maßstab anlegen!

 

Ich bin wahrscheinlich kein besonders frommer Mensch. Aber in meinem tiefsten Innern glaube ich fest an Gott. Auch im finstersten politischen Chaos. Ich glaube, dass der Dichter Christian Morgenstern Recht hat, wenn er sagt: "Wer Gott aufgibt, der löscht die Sonne aus, um mit einer Laterne weiter zu wandeln".

 

 

von Jürgen Todenhöfer