These 8: Feindbild Islam (Zehn Thesen gegen Hass)

These 8: Der Westen muss die muslimische Welt genauso fair und großzügig behandeln, wie er Israel behandelt

 

In einer Mischung aus Selbstgerechtigkeit, Ignoranz und Hass halten viele Menschen im Westen – die den Koran nie gelesen und die muslimische Welt nur selten bereist haben – den Islam für eine blutrünstige Religion. Muslime gelten ihnen als potenzielle Terroristen, als demokratie-, frauen-, juden- und christenfeindlich.

Der Freund und geistliche Berater des amerikanischen Ex-Präsidenten George W. Bush, Frank Graham, nennt den Islam „eine richtig bösartige und verlogene Religion“. Bill O’Reilly, Fernsehidol der amerikanischen Konservativen, erklärt: „Wir können nicht immer wieder in der muslimischen Welt intervenieren. Was wir tun können, ist, sie in Grund und Boden zu bomben.“

 

Und die amerikanische Fernsehkommentatorin Ann Coulter meint: „ Wir sollten in ihre Länder einmarschieren, ihre Führer totschlagen und die Bevölkerung zum Christentum bekehren.“ Oder: „Wir sollten unseren nationalen Arschkriecher-Wettbewerb beenden, Syrien ins Steinzeitalter zurück Bomben und danach den Iran dauerhaft entwaffnen.“

 

Auch in Europa ist es wieder gut bezahlte Mode geworden, Hass gegen fremde Religionen zu predigen. Der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders nennt den Islam eine „faschistische Ideologie“, während der deutsche Publizist Thilo Sarrazin in der Zuwanderung von Muslimen die Selbstabschaffung Deutschlands sieht.

Als Gegenstrategie schlägt Sarrazin staatliche Prämien von 50.000 Euro für Kinder vor, die von deutschen „Frauen mit hohem Bildungsstand“ vor Vollendung des 30. Lebensjahres geboren werden. „Die Prämie dürfte allerdings nur selektiv für jene Gruppen eingesetzt werden, bei denen eine höhere Fruchtbarkeit zur Verbesserung der sozioökonomischen Qualität der Geburtenstruktur erwünscht ist. Staunend habe ich mich durch Sarrazins Buch gekämpft.

 

Man stelle sich nur eine Sekunde vor, Graham, O’Reilly, Coulter, Wilders oder Sarrazin hätten anstelle von „Islam“ die Worte „Judentum“ oder „Christentum“ und anstelle von „Muslimen“ die Worte „Christen“ oder „Juden“ verwendet. Hätte sich nicht zu Recht ein Orkan der Entrüstung erhoben? Warum darf man über Muslime und ihre Religion rassistische Dinge sagen, die in Bezug auf Juden und Christen zu Recht geächtet sind? Wir müssen diese Dämonisierung des Islam und der Muslime beenden.

 

Sarrazin beruft sich auf Meinungsfreiheit. Meinungs- und Pressefreiheit sind in der Tat überragend hohe Güter. Wir sollten sie immer verteidigen. Demokratie und Rechtsstaat sind ohne sie nicht möglich. Aber hat nicht auch Friedrich der Große recht, wenn er gleichzeitig Respekt fordert? Der preußische Reformer und Aufklärer hatte sofort nach Beginn seiner Regierungszeit nicht nur die Folter abgeschafft, sondern auch die Religions-, Presse- und Gedankenfreiheit eingeführt.

 

Und dennoch schrieb der Philosoph auf dem Königsthron an seinen Freund Voltaire: „Die Toleranz muss jedem Bürger die Freiheit lassen zu glauben, was er will. Aber sie darf nicht so weit gehen, dass sie die Frechheit und Zügellosigkeit von Hitzköpfen gutheißt, die etwas vom Volk Verehrtes dreist beschimpfen.“

Der Preußenkönig war in Fragen des Respekts gegenüber Andersgläubigen viel souveräner als die Kleingeister unserer Zeit. Friedrich der Große stellte seinen bosnisch-muslimischen Lanzenreitern einen Imam zur Seite, der fünfmal täglich zum Gebet rief. Den Türken versprach er sogar Moscheen, wenn sie nach Preußen kämen. Er war wirklich ein Großer.

 

So wie bisher können wir nicht weitermachen. Wir sollten die muslimische Welt genauso fair und großzügig behandeln, wie wir zu Recht Israel behandeln. Wir sollten dem „muslimischen Terrorismus“ endlich die Argumente entziehen.

 

Quelle: Feindbild Islam Zehn Thesen gegen Hass

Jürgen Todenhöfer, 2011 Bertelsmann Verlag München