These 7: Feindbild Islam (Zehn Thesen gegen Hass)

These 7: Die westliche Politik gegenüber der muslimischen Welt leidet unter einer erschreckenden Ignoranz einfachster Fakten

 

Einer der Lieblingssätze westlicher Stammtischstrategen lautet: „Wer den Ruf des Muezzins in unseren Städten verlangt, sollte auch in Teheran das Glockenläuten zulassen.“ Die Realität jedoch ist: In Teheran gibt es mehrere christliche Kirchen, von denen einige laut und kräftig läuten. Christliche Kinder haben sogar ihren eigenen Religionsunterricht.

 

Im Iran gibt es 100 Synagogen, 18 sind in Teheran aktiv. Rund 1500 jüdische Kinder besuchen jüdische Schulen. Allein vier befinden sich in Teheran. Den ca. 20 000 Juden steht verfassungsrechtlich ein Parlamentssitz zu, ähnlich wie den Christen. Ayatollah Khomeini verfasste 1979 kurz nach der Revolution sogar eine „Fatwa“ zum Schutz der Juden. An vielen iranischen Synagogen stehen noch heute seine Worte: „Wir achten die religiösen Minderheiten, die Teil unseres Volkes sind. Der Islam erlaubt nicht, sie zu unterdrücken.“

 

Es gab in der Tat jene antizionistischen, antiisraelischen Äußerungen Ahmadinedschads, die im Westen auch noch falsch übersetzt wurden. In der iranischen Bevölkerung hat diese aggressive Position, die reich an politischer Torheit und arm an geschichtlicher Einsicht ist, kaum Rückhalt. Selbst die geistliche Führung des Iran hat Ahmadinedschad mehrfach dafür gerügt. Doch dieser politische Antizionismus ist nicht gleichbedeutend mit Judenhass und Antisemitismus. Auch orthodoxe Juden, wie die chassidischen Satmar, lehnen einen israelischen Staat „vor Ankunft des Messias“ ab und nehmen insoweit eine „antizionistische“ Position ein.

 

Widerlichen Antisemitismus und staatliche Judenverfolgung wie in Europa hat es im Iran und in anderen muslimischen Staaten nie gegeben. Der Iran hat sich in den entscheidenden Augenblicken des 20. Jahrhunderts gegenüber den Juden unendlich großzügiger verhalten als wir Europäer. Der jüdische Parlamentsabgeordnete und Direktor des jüdischen Krankenhauses in Teheran, Ciamak Moresadegh, brachte es auf eine für Europa peinliche Formel: „Antisemitismus ist kein islamisches, sondern ein europäisches Phänomen.“

 

Die westliche Ignoranz gegenüber der muslimischen Welt zeigt sich auch in viel banaleren Fragen als dem Irankonflikt – zum Beispiel in der vor allem in Europa verbreiteten Einstufung des muslimischen Kopftuchs als „Kampftuch“ oder als „Symbol für die Unterdrückung der Frau“. Die USA sind in dieser Frage viel toleranter. Das US-Justizministerium nennt die Intoleranz, die sich im Kopftuchverbot zeige, „unamerikanisch und moralisch verwerflich“.

 

„Wer fünf muslimische Frauen mit Kopftuch befragt“, amüsiert sich die Wochenzeitung „Die Zeit“ über den Kreuzzug für ein kopftuchfreies Europa, „wird fünf verschiedene Botschaften finden. Die eine trägt ihr Kopftuch für Gott, die andere, weil es so gut zu ihren H&M-Klamotten passt. Die dritte Kopftuchträgerin wird sich als vehemente Feministin entpuppen, die vierte verweist auf die dörfliche Sitte, der fünften schließlich hat es ihre ultrasäkulare Mutter verboten, also trägt sie es erst recht.“

 

Natürlich ist der Zwang, ein Kopftuch zu tragen, nicht hinnehmbar. Aber gilt das Gleiche nicht auch für den Zwang, das Kopftuch abzunehmen? In Vietnam maskieren sich im Sommer alle Frauen vom Scheitel bis zur Sohle. Kein Stück Haut soll erkennbar sein. Aber nicht aus religiösen Gründen, sondern weil sie nicht braun werden wollen. Weiß gilt dort als schön. Wie gut für Vietnams Frauen, dass ihr Land keine französische Kolonie mehr ist und Sarkozy nicht ihr Präsident.

 

Auch die Diskussion über die Zwangsehe, die Beschneidung der Frau oder den Ehrenmord wird auf einem erschreckend niedrigen Kenntnisniveau geführt. Über diese völlig inakzeptablen frauenfeindlichen Praktiken steht nichts im Koran. Sie stammen aus vorislamischer, patriarchalisch-heidnischer Zeit.

Teilweise sind sie mehrere tausend Jahre alt – wie etwa die grauenvolle „pharaonische“ Beschneidung der Frauen. Diese brutale Verstümmelung findet nicht nur in einigen muslimischen Ländern wie Ägypten und Sudan statt, sondern auch in überwiegend christlichen Staaten wie Äthiopien und Kenia. Ihre Opfer sind Musliminnen, Christinnen, jüdische Falashas und Angehörige anderer Religionen.

 

Sogenannte Ehrenmorde gibt es leider auch unter Christen, etwa in den christlichen Ländern Brasilien, Argentinien oder Venezuela. Die meisten muslimischen und christlichen Regierungen gehen zu Recht gesetzlich gegen diese Unsitten und Verbrechen vor, die nichts mit dem Islam oder dem Christentum zu tun haben.

In manchen muslimischen Ländern ist die „Frauenförderung“ in Teilbereichen weiter fortgeschritten als im Westen. In Ägypten sind 30 Prozent aller Professoren weiblich, in Deutschland nur rund 20 Prozent. Im Iran sind weit über 60 Prozent aller Studierenden weiblich, sodass eine Männerquote von 30 Prozent beschlossen wurde. In den Vereinigten Arabischen Emiraten waren schon im Jahr 2007 77 Prozent aller Studierenden weiblich. Auch Regierungschefinnen haben in muslimischen Ländern eine längere Tradition als im Westen.

 

Wir sollten überhaupt mehr vor unserer eigenen Tür kehren: Bis 1957 konnte ein deutscher Mann kraft seines gesetzlich garantierten „Direktionsrechts“ entscheiden, ob seine Ehefrau einen Beruf ausüben durfte. Die Schweizer Männer lehnten das Wahlrecht der Frauen bis 1970 ab – schließlich fordern das Alte wie das Neue Testament die Unterwerfung der Frau unter den Willen des Mannes.

Im Alten Testament (Genesis 3,16) spricht Gott zur Frau: „Du hast Verlangen nach deinem Mann. Er aber wird über dich herrschen.“ Und der große Apostel Paulus schreibt im ersten Korintherbrief 14,34: „Lasset eure Weiber schweigen in der Gemeinde. Sie sollen untertan sein, wie auch das Gesetz sagt.“

Wer Hass und Intoleranz überwinden will, sollte vor allem die eigene Ignoranz besiegen. Jeder hat ein Recht auf eigene Meinung, aber keiner auf eigene Fakten.

 

 

Quelle: Feindbild Islam Zehn Thesen gegen Hass

Jürgen Todenhöfer, 2011 Bertelsmann Verlag München