These 6: Feindbild Islam (Zehn Thesen gegen Hass)

These 6: Nicht nur in der Bibel, auch im Koran sind die Liebe zu Gott und Nächstenliebe die zentralen Gebote

 

Beim Vergleich der Texte erweist sich der Koran als mindestens so tolerant wie das Alte und das Neue Testament. Allerdings drücken sich Gott und seine Propheten in allen drei Schriften teilweise sehr kriegerisch aus.

So heißt es im Alten Testament im Buch Numeri 31,7.15.17: „Sie zogen gegen Midian zu Feld, wie der Herr es Mose befohlen hatte, und brachten alle männlichen Personen um. Mose sagte zu ihnen: Warum habt ihr alle Frauen am Leben gelassen? Bringt endlich auch die männlichen Kinder um und alle Frauen, die schon mit einem Mann geschlafen haben.

 

Im Neuen Testament wird Jesus bei Matthäus 10,34 mit den Worten zitiert: „Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ In seinen Tischreden erklärte der wortgewaltige Protestant Martin Luther: „Mit Ketzern braucht man kein langes Federlesen zu machen. Während sie auf dem Scheiterhaufen zugrunde gehen, sollte der Gläubige das Übel an der Wurzel ausrotten und seine Hände im Blute der Bischöfe und des Papstes baden.“

 

Nicht weniger kriegerisch heißt es im Koran in Sure 4,89: „Sie wünschen, dass ihr ungläubig werdet, wie sie ungläubig sind. Nehmt keinen von ihnen zum Freund, ehe sie sich nicht auf Allahs Weg begeben. Und wenn sie den Rücken kehren, ergreift und tötet sie, wo immer ihr sie findet.“

 

Extremisten und Hassprediger in Ost und West vernachlässigen fast immer den historischen Kontext dieser Passagen. Moses, Jesus und Mohammed wurden nicht in ein geschichtliches Vakuum hineingeboren, sondern in eine kriegerische Welt. Bei oberflächlicher Betrachtung wäre das großartige Alte Testament in seinen historischen Ausführungen bei Weitem das blutigste der drei heiligen Bücher – viel blutiger als der Koran.

 

Jeder Kenner des Alten Testaments weiß jedoch, dass dessen zentrales Gebot – nach dem Gebot der Gottesliebe und der Gerechtigkeit – lautet: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ (Levitikus 19,18). Auch für Christen sind Nächstenliebe und Gerechtigkeit nach der Liebe zu Gott die wichtigsten Gebote (Matthäus 5,6.10).

Für Muslime stellt der Koran fest: „Seid gut zu dem Nachbarn, sei er einheimisch oder aus der Fremde“ (Sure 4,36). Auch im Islam gelten die „Zehn Gebote“ einschließlich des Tötungsverbots – mit Ausnahme des Sabbat-Gebotes, da Gott nach islamischer Auffassung nach der Erschaffung der Welt keinen Ruhetag benötigte. Der Koran plädiert für „mehr Menschlichkeit und mehr Gerechtigkeit“ (Hans Küng).

 

Das Hauptproblem der westlichen Korandebatte besteht darin, dass jeder über ihn redet, aber kaum einer ihn gelesen hat. Die kriegerischen Passagen des Korans beziehen sich „erkennbar auf die damaligen Glaubenskriege zwischen Mekka und Medina und damit ausschließlich auf bestimmte Kampfszenen zwischen den Mekkanern und Medinesen jener Zeit“, Terrorismus ist nie religiös: Es gibt in Wirklichkeit keinen „islamischen“ Terrorismus, so wie der Terrorismus der nordirischen IRA oder des Norwegers Anders Behring Breivik nie „christlich“ war.

 

Die Begriffe „Islamischer Terrorismus“, „christlicher Terrorismus“ oder „jüdischer Terrorismus“ sind bei genauer Betrachtung eine sprachliche Irreführung. Wer sich als Terrorist teuflischer Methoden bedient, kann sich nicht auf Gott berufen. Es gibt lediglich islamisch, christlich oder jüdisch getarnte Terrorideologien, und die führen wie „humanitär“ getarnte Angriffskriege nicht ins Paradies, sondern in die Hölle.

 

Die Behauptung, Gewalt sei vor allem ein religiöses Problem, ist eine atheistische Legende. Die Menschen mordeten, bevor es Religionen gab, und danach. Die Massenmorde der deutschen Nationalsozialisten wie auch der sowjetischen und chinesischen Kommunisten sind der traurige Beweis dafür, dass der Mensch das grausamste aller Geschöpfe ist – mit und ohne Religion.

 

Die Anziehungskraft des heutigen Selbstmordterrorismus auf eine kleine, meist junge muslimische Minderheit lebt von zwei Schamlosigkeiten: Von der Schamlosigkeit einiger westlicher Politiker, die noch immer im 10 :1-Rhythmus muslimisches Blut vergießen. Und von der Schamlosigkeit, mit der die Hintermänner des Terrorismus ihre mörderischen Privatideologien jungen Menschen als Islam verkaufen und ihnen vorgaukeln, sie müssten sich nur als Selbstmordattentäter in die Luft sprengen, um ins Paradies zu gelangen.

Der Islam ist eine Religion der Liebe und Barmherzigkeit. An keiner Stelle rechtfertigt er die Tötung unschuldiger Zivilisten. Im Gegenteil. Einer seiner bedeutendsten Sätze lautet: „Wer einen Menschen rettet, für den soll es sein, als habe er die ganze Welt gerettet.“ (Koran, Sure 5, Vers 32)

 

 

Quelle: Feindbild Islam Zehn Thesen gegen Hass

Jürgen Todenhöfer, 2011 Bertelsmann Verlag München