These 10: Feindbild Islam (Zehn Thesen gegen Hass)

These 10: Das Gebot der Stunde heißt Staatskunst, nicht Kriegskunst

 

Die jahrelange, fast kindliche Weigerung westlicher Politiker, mit missliebigen Politikern wie Arafat, Assad, Saddam Hussein oder Ahmadinedschad persönlich zu sprechen, und die Entscheidung, stattdessen Strategien zu entwickeln, wie man diese aus dem Amt bomben könnte, zählen zu den größten Fehlentscheidungen unserer Zeit. „Wer als Staatsmann dem Frieden dienen will, muss mit dem Staatsmann auf der Gegenseite reden“ (Helmut Schmidt). Auch der Ost-West-Konflikt der Nachkriegsjahre konnte nur gelöst werden, weil sich Ronald Reagan nie zu schade war, die Herrscher des damaligen „Reichs des Bösen“ persönlich zu treffen.

 

Es stimmt einfach nicht, dass es z.B. im Irankonflikt außer der Strategie immer härterer Sanktionen nur noch die „katastrophale Alternative“ „iranische Bombe oder Bombardierung Irans“ gibt (Nicolas Sarkozy). Die entscheidende Alternative zur Ausgrenzung und Dämonisierung großer Kulturnationen wie des Iran ist ihre Wiedereingliederung in den Kreis gleichberechtigter Nationen – mit allen Rechten, allerdings auch mit allen Pflichten.

 

Der Iran ist für den Westen vor allem deshalb ein Problem, weil er ihn zur Strafe für die Vertreibung des prowestlichen Schah-Regimes geächtet und dadurch jeden Einfluss auf seine Politik verloren hat. Diese Entwicklung ist nicht unumkehrbar. „Wenn du einen Feind nicht besiegen kannst, umarme ihn“, sagt ein weises Sprichwort. Die Mehrheit der Iraner ist prowestlich eingestellt. Sie wartet und hofft auf den Westen. Aber nicht auf seine Bomben, die wie immer vor allem Unschuldige töten würden. Und auch nicht auf die Invasion seiner Soldaten, sondern auf die „Invasion“ seiner Geschäftsleute, Techniker und Touristen.

 

Die komplexen Probleme des Mittleren Ostens lassen sich nur politisch lösen – multilateral am besten durch eine KSZE-ähnliche Sicherheits-, Gewaltverzichts- und Menschenrechtskonferenz für die gesamte Region. An ihr müssen neben dem UN-Sicherheitsrat alle wichtigen Akteure der Region beteiligt werden – einschließlich Syriens, des Iran und der demokratisch gewählten Repräsentanten Palästinas. Auch bilateral werden die USA mit Iran und Syrien verhandeln müssen, genauso wie mit dem afghanischen und dem irakischen Widerstand.

 

Die Alternative zu verantwortungslosen Kriegen besteht wie im Ost-West-Konflikt der 70er- und 80er-Jahre in harter, aber fairer Diplomatie. Sie wird wie der damalige KSZE-Prozess letztlich nur Sieger kennen. Der KSZE-Prozess und die zahlreichen parallel geführten bilateralen Verhandlungen brachten Osteuropa Freiheit, Menschenrechte, Demokratie und wachsenden Wohlstand. Gesamteuropa schenkte er stabilen Frieden und Abrüstung. „Aus Todfeinden wurden Freunde – ohne dass ein einziger Schuss fiel“ (Hans-Dietrich Genscher).

 

Vielleicht entsteht auch im Mittleren Osten eines Tages ein gemeinsamer Wirtschaftsraum oder sogar noch mehr. Wer hätte vor sechzig Jahren ein Vereintes Europa für möglich gehalten? Politik braucht Visionen, auch im Mittleren Osten.

 

Die Hauptgefahr unserer Zeit besteht nicht im Appeasement. Sie besteht darin, dass abendländisch-patriotische Sofa-Strategen, die sich ihren klammheimlichen antimuslimischen Rassismus von niemandem nehmen lassen wollen, die Welt in einen ähnlich törichten Automatismus von Gewalt und Gegengewalt hineinschlittern lassen wie jenen, der zum Ersten Weltkrieg führte.

 

Staatskunst statt Kriegskunst, wachsames, geduldiges und zähes Verhandeln – das ist wie im Ost-West-Konflikt die richtige Strategie gegenüber der muslimischen Welt. Nur in einer gerechten Weltordnung finden Terroristen aller Richtungen keinen Nährboden. Nur in einer gerechten Weltordnung kann auch der Westen dauerhaft in Frieden leben.

 

Im Kampf gegen den angeblich muslimischen Terrorismus muss daher unser Motto lauten: Härte und Gerechtigkeit – Härte gegenüber den Terroristen, Gerechtigkeit gegenüber der muslimischen Welt.

 

Ziel muss eine Welt sein, in der wir anderen Staaten nur das zumuten, was wir selbst auch akzeptieren würden. Eine Welt, in der Schluss ist mit der Diskriminierung von Muslimen im Westen und Schluss mit der Diskriminierung von Juden und Christen in der muslimischen Welt. Eine Welt, in der die USA und Europa bewunderte Symbole des Friedens und der Freiheit und nicht mehr des Krieges und der Unterdrückung sind. Eine Welt, in der jeder den Balken im eigenen Auge sieht und nicht nur den Splitter im Auge des anderen.

 

 

Quelle: Feindbild Islam Zehn Thesen gegen Hass

Jürgen Todenhöfer, 2011 Bertelsmann Verlag München