These 3: Feindbild Islam (Zehn Thesen gegen Hass)

These 3: Terrorismus ist kein typisch muslimisches, sondern ein weltweites Problem

 

Einer der Lieblingssätze der aktuellen Terrorismusdiskussion lautet: „Nicht alle Muslime sind Terroristen, aber alle Terroristen sind Muslime.“ Er ist – wie so vieles in der Diskussion über die muslimische Welt – schlicht falsch.

Terrorismus gab es zu allen Zeiten und unter allen Vorzeichen. Neben christlichen Terroristen wie George Habash, die jüdische Siedler brutal ermordeten, gab es auch „zionistische Terrororganisationen“ – wie die „Irgun“ Menachem Begins sowie die sich selbst terroristisch nennenden „Kämpfer für die Freiheit Israels“ Jitzchak Schamirs. Sie kämpften mit Terror gegen Briten und Araber für ein freies Israel – auch gegen Zivilisten.

 

14 der 25 von der EU offiziell als terroristisch eingestuften Organisationen haben mit dem Islam nichts zu tun. Diese „marxistischen“, „antiimperialistischen“, „antikapitalistischen“, „hinduistischen“ oder „Sikh“-Terrororganisationen haben weltweit unzählige Zivilpersonen auf dem Gewissen. In Uganda mordete jahrzehntelang die christliche „Lord’s Resistance Army“. Ihr Anführer Joseph Kony wollte auf der Basis der Zehn Gebote einen christlichen Gottesstaat errichten. Im öffentlichen Bewusstsein des Westens spielen all diese nicht-muslimischen Terrororganisationen keine große Rolle.

 

Nach Angaben der europäischen Polizeibehörde „Europol“ gab es 2012 in den Ländern der Europäischen Union 212 Terroranschläge. Davon gingen lediglich sechs auf „islamistische“ Attentäter zurück. Nicht 200, nicht 240 – sechs! Die meisten Anschläge wurden von militanten Unabhängigkeitsbewegungen verübt – wie zum Beispiel der baskischen Untergrundorganisation ETA.

 

All das hindert führende westliche Politiker nicht daran, weiter ihren terroristischen Lieblingssatz hinauszuposaunen, alle Terroristen seien Muslime. Der Westen braucht derartige Übertreibungen und Verzerrungen zur Begründung seiner aggressiven Politik im Mittleren Osten – nachdem Colin Powell in den 90er-Jahren beunruhigt festgestellt hatte, den USA gingen langsam „die Monster“ aus.

 

Terroristen sind für die muslimische Welt nicht repräsentativ. So wie die RAF und linke oder rechte Autonome für Deutschland nie typisch waren oder sind. Die politische Bedeutung des „muslimischen Terrorismus“ liegt darin, dass er bequeme Vorwände für die Angriffskriege des Westens liefert. Deshalb wird er systematisch und kontinuierlich zu einem titanenhaften Feind des Weltfriedens aufgeblasen. Von Europol-Fakten lassen sich anti-islamische Propagandisten ihr Feindbild Islam nicht zerstören.

 

Trotz Ablehnung der US-Außenpolitik bewundern viele Muslime den Westen. Junge Muslime tragen selbst in Afghanistan, in Pakistan und im Irak mit Vorliebe (imitierte) westliche Turnschuhe, Jeans und T-Shirts. Sie wären unter Beibehaltung ihres Glaubens in vielen Dingen gerne wie wir – frei, modern und auf ihre Weise demokratisch. Für diese Freiheit und Würde kämpfen sie in ihren Revolutionen. Wie gerne würden sie Amerika lieben, wenn es dieses Amerika, einst der Hoffnungsträger der Unterdrückten der Welt, ohne seine blutige Außenpolitik gäbe.

 

 

Quelle: Feindbild Islam Zehn Thesen gegen Hass

Jürgen Todenhöfer, 2011 Bertelsmann Verlag München