These 2: Feindbild Islam (Zehn Thesen gegen Hass)

These 2: Nichts fördert den Terrorismus mehr als die „Antiterror-Kriege“ des Westens

 

Wer den Terrorismus muslimischer Extremisten verstehen will, muss versuchen, die Welt einmal aus der Sicht eines Muslims zu betrachten. Ein junger Muslim, der regelmäßig Fernsehnachrichten verfolgt, sieht Tag für Tag, Jahr für Jahr, in Afghanistan, in Pakistan, in Palästina und anderswo muslimische Frauen, Kinder und Männer durch westliche Waffen, westliche Verbündete und westliche Soldaten sterben.

 

Terrorismus ist immer unentschuldbar. Aber objektiv betrachtet ist der „muslimische Terrorismus“ die gewalttätige Antwort einer winzigen extremistischen Minderheit auf die gewalttätige Politik westlicher Mehrheiten.

Der extremistische Islamismus war zu Beginn des Jahres 2001 weltweit am Ende. Der Angriff von Al-Qaida auf New York nicht nur ein Racheakt, sondern auch der Versuch eines Befreiungsschlags: Er sollte durch diabolische Kühnheit und geniale mediale Inszenierung den Extremisten die Sympathien der Massen zurückgewinnen. Er sollte sie aus ihrer Außenseiterrolle wieder ins Zentrum der Diskussion rücken. Er sollte die USA zu einer Überreaktion provozieren, die dem muslimischen Extremismus wieder Rückenwind geben würde.

 

Dass die Falken der US-Regierung auf eine solche Gelegenheit geradezu sehnsüchtig gewartet hatten, macht alles nur noch absurder. Al-Qaida wollte provozieren, und die Bush-Administration wollte provoziert werden.

Zumindest die Provokations-Rechnung von Al-Qaida ist voll aufgegangen. Al-Qaida bombte sich auf die Titelseiten der Medien, und der folgende Raketenhagel der USA sorgte dafür, dass Al-Qaida dort blieb.

Die Afghanen verstehen diesen Krieg bis heute nicht. Genauso wenig die Iraker. Keiner der Terroristen, die das World Trade Center angegriffen hatten, stammte aus Afghanistan oder dem Irak. Sie kamen aus Saudi-Arabien, Ägypten, den Vereinigten Arabischen Emiraten – und aus Deutschland.

 

Um ihr ideologisches Oberhaupt, den Saudi-Araber Bin Laden, auszuschalten, hätte es effektivere und intelligentere Methoden gegeben als die Bombardierung Kabuls. Der Kommandoeinsatz von Abbottabad am 2. Mai 2011 hat das trotz aller rechtlichen Probleme und Unzulänglichkeiten unter Beweis gestellt. Eine ähnliche Kommandoaktion wäre schon im Winter 2001 in Tora Bora möglich gewesen. Der Erfolg von Abbottabad hat den gesamten Afghanistankrieg ad absurdum geführt.

 

Die radikalen Kräfte im Westen und in der muslimischen Welt haben sich gegenseitig hochgeschaukelt. Letztlich war Bin Laden der beste Stichwortgeber George W. Bushs und umgekehrt. Wir müssen dieses tödliche Schaukelspiel zwischen Terroristen und Antiterroristen so schnell wie möglich beenden.

Wir sind nicht legitimiert, überall auf der Welt mit Kriegen gegen extremistische Bewegungen vorzugehen. Genauso wenig wie wir berechtigt sind, weltweit diktatorische Regime militärisch zu bekämpfen. Wir haben nicht das Recht, die Welt in ein blutig-chaotisches Schlachtfeld zu verwandeln, um unsere politischen Vorstellungen durchzusetzen. Westliche Bomber, Drohnen und Kampftruppen haben im Irak, in Afghanistan, in Pakistan, im Jemen, in Libyen und auch in Syrien nichts verloren.

 

Die muslimischen Länder müssen ihre innenpolitischen Probleme in erster Linie selbst ausfechten und ihre Revolutionen selbst zum Erfolg führen.

 

Der Kampf gegen den Terrorismus, der bei Weitem nicht das wichtigste Thema unserer Zeit ist, wird weder am Hindukusch noch in Bagdad militärisch entschieden. Die Entscheidung fällt in den Herzen der 1,5 Milliarden Muslime, die in Ost und West, Nord und Süd die Politik des Westens genau beobachten. Mit jedem durch westliche Bomben getöteten muslimischen Kind stärken wir weltweit die terroristischen Minderheiten, versinken wir tiefer in den Widersprüchen unserer eigenen Politik.

 

Alle Muslime aber bitte ich: Wehrt Euch gegen Gewalt nicht wie George W. Bush – sondern wie Mahatma Gandhi.

Mit gewaltlosem Widerstand kann man viel mehr erreichen als mit terroristischer Gewalt.

 

 

Quelle: Feindbild Islam Zehn Thesen gegen Hass

Jürgen Todenhöfer, 2011 Bertelsmann Verlag München