Blonde und Blauäugige Menschenrechte

»Warum sollten wir Menschenrechtserklärungen annehmen,
die von denjenigen Mächten formuliert sind,
die unsere Länder kolonisiert und ausgeplündert haben?«    

(Shirin Sinnar)

 

 

Der Westen bezweifelt die Kompatibilität des Islams mit der Demokratie und wirft deswegen den Muslimen vor, das der Islam sie davon abhalte die Menschenrechte zu respektieren. Insbesondere steht es um die Grundrechte der Frau im Islam schlecht. Die Muslime sollen doch dem Westen beweisen, das sie der Demokratie fähig sind.

 

Beim Menschenrechtsdialog machen Muslime eingangs oft die verblüffende Feststellung, daß ihre westlichen Partner nicht nur glauben, die Menschenrechte erfunden, sondern auch gepachtet zu haben. Im Okzident geht man tatsächlich davon aus, daß Menschenrechte generell nur im Westen beachtet, in der muslimischen Welt aber grundsätzlich missachtet werden.

 

Hat es je quantitativ und qualitativ schlimmere Verletzungen der Menschenrechte gegeben als während der beiden Weltkriege - mit Einsatz chemischer und atomarer Waffen -, während des stalinistischen Terrors, im Holocaust, unter der Apartheid und bei ethnischen Säuberungen in Bosnien und im Kosovo? Keine dieser Scheußlichkeiten ereignete sich in islamisch geprägten Regionen. In den Worten von Ali Masrui, des kenianischen Sozial-anthropologen der State University von New York in Binghampton: »Muslime werden oft dafür kritisiert, nicht das Beste zustande zu bringen; doch man gratuliert ihnen selten dafür, das Schlimmste abgewendet zu haben.

 

Es gibt kein muslimisches Äquivalent zu nazistischen Vernichtungslagern, zum Völkermord im Ausmaß von Nord- und Südamerika sowie Australien, noch ein Gegenstück zu stalinistischem Terror, Pol Pots »Killing Fields« und der Entwurzelung von Dutzenden von Millionen im Namen von Fünf-Jahres-Plänen. Auch sind die Muslime nicht für Apartheid-Modelle verantwortlich, wie das von der süd-afrikanischen Reformierten Niederländischen Kirche gebilligte, noch für den wilden japanischen Rassismus vor 1945 oder die rassistische Kultur des alten amerikanischen Südens mit seinem Lynchen und Brutalisieren der Schwarzen.

 

Trotzdem setzen westliche Dialogpartner sich moralisch gerne aufs hohe Roß und fordern bei Strafe des Entzugs von Entwicklungshilfe die weltweite Umsetzung des euro-amerikanisch geprägten Systems individueller Menschenrechte ein. Bei Anlegung so unterschiedlicher Ansprüche an sich selbst und andere muß man sich nicht verwundern, wenn man junge Muslime bitter-zynisch feststellen hört, daß die Menschenrechte wohl »blond und blauäugig« seien.

 

Menschenrechte, ob blond und blauäugig oder nicht, können wie eine Keule geschwungen werden. Insofern hatte Parvez Manzoor Recht, als er 1994 formulierte:
»Human Rights talk is power talk«, d.h. beim Menschenrechtsdiskurs geht es (auch) um Macht. Deshalb findet man noch immer, allerdings schwächer werdend, Stimmen, welche von »Islam oder Menschenrechte« sprechen und letztere als eine »Heilige Kuh der Moderne« betrachten, »die nicht blind angebetet, sondern hinterfragt werden will«, zumal »die Scharia für alle Probleme des Menschen, unabhängig von Zeit und Ort, Lösungen beinhaltet«.

 

Doch klagen hilft nichts. Es gilt, als Muslim Stellung zu beziehen. Die Länder der Dritten Welt, euphemistisch Entwicklungsländer genannt, zu denen die meisten muslimischen Staaten gehören, selbst wenn sie im Petrodollar-Regen stehen, bezogen eine vorgeschobene Verteidigungslinie, indem sie auf die wechselseitige Abhängigkeit (Interdependenz) der zivilen Menschenrechte einerseits und der sozialen bzw. wirtschaftlichen bzw. kulturellen Rechte andererseits verwiesen. Sie konnten glaubhaft machen, daß Wahlen lediglich

Stammeshäuptlinge bestätigen, solange die Wähler Analphabeten sind. Auch wenn es Drittwelt-Ideologen nicht ins Konzept passt, ist nach Panajotis Kondylis doch offensichtlich, daß Menschenrechte, »die allen Individuen gleiche Autonomie und Würde versprechen, nur in Gesellschaften gedeihen können, in denen eine hochdifferenzierte Arbeitsteilung das Kollektiv atomisiert und Massenproduktion und -konsum auf vollen Touren läuft«. Es ist ferner unbestreitbar, daß Demokratie eine Zivilgesellschaft braucht, welche ihrerseits die Überwindung struktureller Armut voraussetzt.

 

Den Drittwelt-Staaten ist es mit dieser Argumentation gelungen, in die jüngeren Menschenrechtspakte der Vereinten Nationen einen Katalog >ihrer< speziellen Menschenrechte aufnehmen zu lassen, darunter das Recht auf Erziehung, Arbeit und Lebensunterhalt. Dieselben Ländern glaubten, den Menschenrechtsknüppel
auch damit abwehren zu können, daß sie die Universalität der Menschenrechte in Frage stellten. Diese seien eurozentrisch und ethnozentrisch und daher anderen Kulturen, etwa in Asien und Schwarzafrika, wesensfremd.
Auch verberge sich hinter der Theorie der Universalität die falsche Vorstellung von einer bereits nach westlichem Modell zu Ende gekommenen Geschichte.

 

Diese Ansicht mag hinsichtlich inflationärer, modischer >Menschenrechte< zutreffen, wie etwa eines >Rechts auf Angst< (vor allem Nuklearen), eines >Rechts auf Rausch< (mittels legalisierter Drogen) oder eines >Rechts auf gleichgeschlechtliche Eheschließung<. Sie trifft jedoch hinsichtlich des klassischen Kerns der Menschenrechte (core rights) nicht zu, wozu das Recht auf Leben, Freiheit von Folter, Meinungs- und Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit und Freizügigkeit gehören. Muslime schaden sich selbst, wenn sie sich dazu hinreißen lassen, die Universalität eines Kernbestands an Rechten zu leugnen. Samuel Huntington meint allerdings, daß es nur einen Punkt gebe, über den man sich weltweit wirklich einig sei: die unbedingte Verwerflichkeit von Folter.

 

Dies muß um so mehr gelten, da die Steinigung von Ehebrechern im Islam letztlich auf wenige Überlieferungen gestützt werden müßte, von denen nicht einmal bekannt ist, ob der geschilderte, vom Propheten geduldete Vorfall sich vor oder nach der Offenbarung des den Ehebruch betreffenden Koran-Verses zugetragen hatte. Wenn der Vorfall sich vor der Offenbarung zugetragen hätte, wäre die darauf gründende Sunna selbstverständlich vom Koran derogiert worden.

 

Daß der Koran die Steinigung nicht vorsieht, obwohl der 2. Kalif 'Umar von einem angeblichen »Steinigungsvers « gesprochen hat, ergibt sich im übrigen auch daraus, daß der Koran für unfreie Ehebrecher die Hälfte der Strafe von freigeborenen Ehebrechern angeordnet hat (4: 25).

 

Was, bitte, ist eine halbe Todesstrafe?

 

Ohnedies ist das Beweisrecht im islamischen Strafverfahrensrecht derart anspruchsvoll, daß wegen Ehebruchs kaum jemand verurteilt werden kann, der dies nicht durch freiwilliges Bekenntnis provoziert. (Präsident Clinton wäre es nach den Regeln des speziellen islamischen Beweisrechts für Ehebruch besser ergangen als nach den amerikanischen.)

 

Das Verständnis der ebenfalls der Abschreckung dienenden koranischen Strafandrohung für Diebstahl in der 5. Sure (al-Ma'ida): 38 setzt voraus, daß man ihre sozialpolitische Funktion überblickt. Dafür muß man wissen, wie stark die soziale Absicherung der Frau, vor allem im Alter, im islamischen Rechtsbereich praktisch darauf beruht, daß ihr die bei Eheschluß in Form von Edelmetall und Edelsteinen überreichte Brautgabe nicht entwendet wird. Außer in bargeldlosen Gesellschaften ist Diebstahl daher ein Anschlag auf das soziale Sicherungssystem der Gesellschaft.

 

Dennoch hat die islamische Jurisprudenz auch diesen Straftatbestand so entschärft, daß man sich Jahrzehnte in der muslimischen Welt aufhalten kann, ohne jemand zu begegnen, dem eine Hand fehlt. Dies liegt weniger am Mangel an Dieben als an der liberalen Diebstahlsdefinition der islamischen Jurisprudenz. Danach liegt Diebstahl
nur bei Wegnahme größerer, gesicherter Wertgegenstände vor, die nicht in öffentlichem Eigentum stehen. In Notzeiten wurde die Verfolgung von Diebstahl schon seit dem 2. Kalifen 'Umar suspendiert. Doch selbst in normalen Zeiten läßt man dieses Delikt in nur wenigen Wochen >verjähren<, so daß es auch hierbei nur äußerst selten zu einer Verurteilung - und noch seltener zu einer Vollstreckung des Urteils - kommt.

 

Wenn Kritiker des Islam positive Vorschriften im Koran finden - etwa das Toleranzgebot in der 2. Sure (al-Baqara): 256 und der 5. Sure (al-Ma'ida): 48 -, wischen sie solche beeindruckenden Normen gerne mit der Begründung
vom Tisch, daß die Wirklichkeit ganz anders aussähe. Finden sie jedoch im Koran eine Vorschrift, die ihnen zuwider ist - wie die Strafe für Diebstahl -, fixieren sie sich auf die Norm, ohne die Wirklichkeit zu berücksichtigen.

 

Der islamischen Welt die normative Behandlung des Diebstahls im Koran ohne Berücksichtigung seiner humanen Praxis entgegenzuhalten verrät Doppelmoral. Dies führt zu der Schlußfolgerung, daß die Menschenrechte
im Islam nicht voll mit den Menschenrechtspakten der Vereinten Nationen übereinstimmen. Deshalb wurden sie denn auch von vielen muslimischen Ländern nur unter dem Vorbehalt ratifiziert, daß die Scharia davon unberührt bleibt. Wie wir gesehen haben, ist der Konfliktsbereich andererseits so klein, daß der Islam als ein komplementäres Menschenrechtssystem verstanden werden kann, wenn man nicht schlechten Willens ist.

 

Was den Konfliktbereich anbetrifft, habe ich gezeigt, wie er auf einzelnen Gebieten im Wege einer islamkonformen Neuinterpretation der Quellen (ijtihad) und der strikten Einhaltung des islamischen Strafverfahrensrechts wenn nicht bereinigt, so doch entschärft werden kann. Doch dieses Verfahren hat enge Grenzen, weil die Scharia als göttliches Recht letztlich nicht zur Disposition steht, auch dann nicht, wenn Änderungen scheinbar im öffentlichen Interesse (maslaha), nämlich der besseren Akzeptanz im Westen, stünden.

 

Was nützte der Islam dem Westen (und den Muslimen), wenn er sich nicht mehr von ihm unterschiede ?

 

 

 Quelle: Der Islam im 3. Jahrtausend (Murad Wilfried Hofmann)